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Loslassen

Genre: Drama

Hinweis: Du-Perspektive  

 Den Kopf gesenkt geht sie den Fußweg entlang. Ihre Schritte sind langsam, wirken müde... etwas taumelnd... Ein strahlend blauer Himmel über ihr, warmer Sonnenschein, eine leichte Brise, die ihre hellen Haare durch die sommerlich duftende Luft tanzen lässt. Sie schaut nur selten auf, beachtet den endlich eintretenden Sommer kaum, der sie umgibt und sich so wundervoll ausladend präsentiert. Sie scheint mit den Gedanken ganz woanders... der abwesende Blick ist traurig... oder zumindest nachdenklich und dabei melancholisch. Wieso nur? Ist sie jetzt nicht vorrübergehend frei? Hat sie nicht gerade eben erst die Last hinter sich gelassen, die sie immer öffentlich als ihre größte Sorge bezeichnet hatte? Die Last, die auch die Gleichaltrigen froh sind, nun für sechs Wochen los zu sein? Ja, das hat sie... natürlich, darum läuft sie auch so langsam. Nun hat sie frei, braucht sich nicht mehr zu beeilen und ewig herum zu hetzen. Sie kann langsam gehen... endlich wieder. Kann den Sonnenschein genießen, der sie umgibt, und ihn nicht nur als zynischen Kommentar des Wetters zu ihrem Stress ansehen... Aber... kann sie das wirklich? Wenn jemand sie danach fragen würde, dann würde sie es niemals abstreiten. Sie sei nur müde, darum der geschaffte Ausdruck auf ihrem Gesicht. Aber nun habe sie ja Ferien, nun würde das alles wieder besser werden, sie würde sich erholen. Wie sehr sie sich auf die Ferien freue, würde sie sagen. Endlich frei... Ja, sie wird frei sein, für diese Zeit... endlich... aber mit dieser anstrengenden Zeit, die sie gerade in zögernden Schritten hinter sich lässt, endet auch eine märchenhafte Zeit... eine Zeit voller hoffnungslosen, manchmal verzweifelten, oft hilflosen und trostsuchenden Träumereien... Tagträumen... ... von einem Leben, das sie so niemals führen wird... ... ein Leben, das sie sich gemeinsam mit jemandem vorgestellt und ersehnt hat, den sie ebenfalls gerade zurücklässt... Sie hat dich vorhin noch kurz gesehen... Nur kurz, dir im Vorbeigehen einen verzweifelten, glühenden Blick zugeworfen... ein Blick, der nicht erwidert wurde... sie war ja gar nicht wahrgenommen worden... Nun wandern ihre Augen doch kurz hinauf, fixieren etwas glasig einen vorbeibrausenden Fahrradfahrer... fokussieren das dunkelblonde Haar des Fahrers... es ruft Erinnerungen hervor... Die unstillbare Sehnsucht danach, einmal dein helles, weiches Haar zu berühren... nur einmal! Die Arme um deinen zarten Körper schließen... nur einmal die Nase an deinem blassen, schmalen Hals vergraben... gehalten werden... von dir... Es wird nicht möglich sein... nie... du wirst nächstes Jahr nicht mehr da sein... wenn sie zurückkehren wird, wie so viele andere auch, dann wirst du gegangen sein... nie wieder wird sie in deine hellblauen Augen sehen können... ...nie wieder... Sie lässt mit diesen Schritten durch die schönen Straßen der Stadt ihre Liebe zurück... ihre Liebe zu einer Person, die sie nie hat lieben dürfen. Was heißt schon „dürfen“... verboten hat es ihr niemals jemand. Es wusste ja niemand davon. Aber... sie darf dich nicht lieben, weil sie sich damit nur selber weh tut... weil es hoffnungslos, verzweifelt ist... Gegen Liebe kann man nicht kämpfen... Sie liebt, wen sie liebt, auch wenn dies jemand ist, für den sie nur das ist, was sie sein soll und was richtig und normal ist. Doch du... du bist schon lange nicht mehr das für sie, was du sein solltest... es ist alles zu spät, sie kann nichts mehr aufhalten, nichts mehr ändern. Sie kann nur die Augen schließen und weitergehen... sie kann die Zeit nicht anhalten... sie muss gehen, nachhause... ...muss dich gehen lassen, aus ihren Gedanken... mit dem Wissen, dich niemals wieder zu sehen... sie muss alles um dich herum einfach abschließen, einfach von nun an nicht mehr daran denken... muss akzeptieren, dass es nicht weiter gehen wird, dass das Märchen beendet ist... Das traurige Märchen, ohne Hoffnung und vor allem ohne Happy End... Sollte sie nicht eigentlich froh darüber sein, dass ihr nun ohne ihr Zutun das genommen wird, was ihr Sorgen bereitete? Nein... denn sie will diese Sorge behalten... wenn sie ehrlich ist, will sie noch weitere Jahre diese Sorge haben... jeden Tag die stetige, mal dumpfe, mal glühend heiße Hoffnung auf einen längeren Blick von dir oder gar ein Lächeln? Ein sinnloses Hoffen, sinnloses Herzklopfen, wenn du ihr über den Weg läufst... ... und doch... ... lieber jeden Tag die Hoffnung, die Anspannung, die kurzzeitige Glückseligkeit, wenn du irgendwo in der Nähe bist... Lieber in dieser weltfremden, bittersüßen Traumwelt bleiben, als dich nie wieder zu sehen und womöglich zu vergessen... Eine Straße, die sie überquert, ohne sich groß umzusehen. Mühsame Schritte die Stufen hinauf in die kühle Wohnung. Der Weg ins eigene Zimmer.

I’ll miss you.

13.10.10 15:35

Letzte Einträge: Vorschau, Warum Schnee kalt ist?, Unter diesen Sternen, Ich bin gekommen, um Adieu zu sagen, Nach dem Erdbeben

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