Letztes Feedback

Meta





 

Warum Schnee kalt ist?

Genre: Drama

An diesem Montagmorgen fällt der erste Schnee in diesem Jahr. Ich stehe mit bezauberter Miene am Fenster und beobachte die kleinen, kalten Kristalle, die vom Himmel rieseln und - obwohl jeder einzelne von ihnen so winzig ist - zusammen eine dichte, weiße Decke bilden, die dann die ganze Stadt verhüllt. Wie viele Schneeflocken es wohl sind, die jetzt gerade auf dem Balkon zum Liegen kommen?

»Jo? Was machst du denn da? Das Frühstück ist fertig!«
Du stehst angezogen in der Tür und schaust mich fragend an.

»Es schneit«, lächle ich und du trittst neben mich.

»Der erste Schnee dieses Jahr«, fahre ich fort und betrachte zärtlich ein paar Flocken, die vor dem Fenster vorbeitanzen.

»Ja...« Ein kleines Lächeln schleicht sich auf deine schönen Lippen. »Du liebst den Schnee schon immer, oder?«

Ich nicke. »Nichts liebe ich mehr als den Schnee«, flüstere ich.
»Und dich«, füge ich dann hinzu, woraufhin du leise lachst und mich in deine Arme ziehst.

Wieso kann es nicht immer so sein? Warum kannst du nicht jeden Morgen bei mir sein? Warum bist du in letzter Zeit so selten da? Ich schließe die Augen und taste mit den Fingern nach deinem Arm... Bleibe doch einfach immer bei mir.



»Der Schnee ist keine gültige Entschuldigung für's Zuspätkommen«, grinst Sonja mich an, als ich fünf Minuten nach Ladenöffnung ins Geschäft gestürzt komme.

»Tschuldige«, nuschle ich nur und werfe meine Jacke auf die kleine Garderobe in unserem Aufenthaltsräumchen hinter der Theke.
»Ist doch noch gar niemand da, kein Grund zum Stress«, meine ich dann und logge mich in die Kasse ein.

Ja, ich bin Verkäufer. Kleiner, dummer Verkäufer in einem billigen Kiosk an der Straßenecke. Ich verkaufe Zeitschriften, Zigaretten und anderen Schnick-Schnack, den die Leute glauben, zu brauchen.
Glücklicherweise befindet sich im selben Raum auch ein kleiner Bäcker, welchen Sonja betreut. Sie ist eine kleine, dicke Frau mit strohblondem Haar und unglaublich viel Redebedürfnis. Doch ich begrüße ihre Anwesenheit, denn mit ihr kann ich mich wenigstens unterhalten. Oder so tun, als ob - meistens redet sie und ich höre zu.

»Ich hasse den Winter«, schnattert sie auch prompt drauf los, »Immer diese Kälte und Nässe und der Dreck, den die Kunden hier rein schleppen...«

»Ich mag den Schnee«, murmele ich nur, doch Sonja scheint das nicht wahrzunehmen.

Im selben Moment ertönt das leise Klingeln der Türglocke und eine Frau kommt hereingeeilt, die sich hastig ein Brötchen bei Sonja bestellt, bevor sie wieder verschwindet.
Nun kommen nach und nach immer mehr Kunden, die sich irgendein Gebäck und manchmal auch die Tageszeitung bei mir kaufen. Alles gehetzte Leute, mit Taschen und müder Miene.

Ich grüße jeden Einzelnen freundlich, doch kaum jemand antwortet wirklich. Einzig ein kleines Mädchen mit einem großen Schulranzen, das sich eine Pferde-Zeitung kauft, strahlt mir ein »Guten Morgen!« entgegen und ich schenke ihr einen Lolli.

Gegen neun Uhr nimmt der Kundenstrom ab und es erscheinen nur ab und an noch einzelne Senioren, die erst jetzt frühstücken. Ich beneide sie um die Zeit, die sie haben. Jeden Tag können sie ausschlafen. Jeden Tag können sie in Ruhe verbringen. Sie werden nicht aufgescheucht, wenn sie sich irgendwo hinsetzen und stundenlang sitzenbleiben, um zu entspannen.

»So, jetzt wird's ruhiger«, schnauft Sonja, die bis eben noch alle Hände voll zu tun gehabt hat. »Willst du ein Brötchen, José?«

»Nenn mich nicht so«, antworte ich zerknirscht und blättere in der Tageszeitung herum, die auf dem Tresen vor mir liegt.

»Entschuldige, Josef«, schnurrt Sonja.

»Ich würde einen Kaffee nehmen«, sage ich dann und gehe zu ihr hinüber, um das heiße Getränk zu bezahlen.

»Schau nicht so mürrisch«, fordert sie mich auf, »Du hast gesagt, du magst den Schnee, also freu dich doch drüber und guck nicht so griesgrämig!«

Sie hat es also doch mitbekommen, was ich vorhin sagte?

»Mh«, mache ich nur und ziehe mich hinter meine Theke zurück.

Jetzt beginnt die langweilige Phase des Tages: Wochentags kommt in den Vormittagsstunden kaum jemand. Ab und zu wie gesagt ältere Leute und manchmal auch Mütter mit ganz kleinen Kindern oder Hochschwangere. Studenten manchmal auch. Also insgesamt die Leute, die nicht arbeiten um diese Zeit.

Erst gegen eins wird es wieder interessant werden, denn dann ist Mittagspause und man wird sich bei Sonja ein belegtes Brötchen oder bei mir Zigaretten kaufen.

Ich schlage das Kreuzworträtsel der Zeitung auf und zücke einen blauen Kugelschreiber.
Auch Sonja scheint sich mit irgendetwas zu beschäftigen und so ist im Raum nur die leise Musik aus dem Radio zu hören.
Ein Tag wie jeder andere...

Ich kann mich nicht auf das Rätsel konzentrieren. Immer wieder wandert mein Blick nach draußen und ich beobachte die Schneeflocken. Ich sehe mich selbst vor fünfzehn Jahren, als ich begeistert durch den Garten sprang und versuchte, so viele Flocken wie möglich zu fangen. Nach einer Weile war ich verzweifelt zu meiner Mutter gelaufen und hatte sie unter Tränen gefragt, warum die Schneeflocken denn nicht in meinen nackten Händen blieben. Immer wenn ich mir ganz sicher gewesen war, eine Schneeflocke gefangen zu haben und vorsichtig meine Hand öffnete, um mir die kleinen, weißen Kerlchen mal aus der Nähe anzuschauen, waren sie verschwunden und nichts als ein kleiner, feuchter Fleck war auf meiner Hand zurückgeblieben.
»Mama, sterben die Schneeflocken, wenn ich sie fange?«, hatte ich angstvoll gefragt. »Sie schmelzen auf deiner warmen Haut«, hatte meine Mutter geantwortet.
Seit dem habe ich nie wieder Schneeflocken gefangen.

Jetzt denke ich an dich. Viel zu oft denke ich an dich. Anfangs war es so wunderschön mit dir. Es hatte so gut getan, bei dir zu sein... du warst immer da. Aber nun... nach diesen verdammten drei Jahren beginnt alles zu zerbröseln. Du bist nun immer weniger da. So oft muss ich allein schlafen, so oft... Wieso verliere ich dich jetzt? Drei Jahre habe ich so schön mit dir verbringen können und nun löst unsere gemeinsame Welt sich in Luft auf?

Wie erwartet kommen um die Mittagszeit wieder vermehrt Kunden. Eigentlich schauen sie nicht anders drein, als heute Morgen. Noch immer etwas müde und geschafft. Aber dennoch wirken viele entspannter... denn es ist ja Mittagspause.
Ab vierzehn Uhr wandert mein Blick immer wieder zur Zeitanzeige der Kasse. Ich hasse diese Phase, sie ist so voller Anspannung und Nervosität. Jeden Tag.
Ich weiß, dass Adam erst gegen drei kommen wird, aber dennoch bin ich aufgeregt.

Ab halb drei zucke ich bei jedem Klingeln der Türglocke zusammen und schaue gehetzt auf. Bei den ersten fünf Fällen senke ich danach wieder etwas entspannter den Kopf und verkaufe mit zwar pochendem Herz, aber lockerem Auftreten.
Beim sechsen hellen »Pling« der Glocke bleibt mein Herz jedoch kurz stehen, als mein Blick zur Tür fällt.

Endlich.

Wie immer mit müdem Blick schlurft Adam ins Warme. Er bleibt vor Sonjas Theke stehen und starrt einen Moment teilnahmslos die Brötchen an, bevor er mit leiser Stimme bestellt.
Seine Stimme habe ich schon immer geliebt. Leise... so leise... dabei ist er Lehrer! Aber das ändert nichts daran, dass er seine Klasse im Griff hat.
Er besitzt eine Ausstrahlung, die niemand so einfach hat.

Ein kleines Lächeln hat er für Sonja übrig, als sie ihm seine Brötchentüte reicht. Ich halte die Luft an, als er sich in die Richtung meiner Theke dreht und nun zu mir schlendert.

»Guten Tag«, murmelt er und betrachtet wie eben noch die Brötchen nun das Zigarettenangebot.
Ich weiß genau, welche Sorte er wählen wird.... Pall Mall Blue. Die nimmt er immer. Seit einem halben Jahr nun schon.

»Eine Packung Pall Mall Blue«, bestellt er auch prompt und beginnt in seinem Portemonnaie die Münzen zusammenzukramen.

Sein Haar ist zerzaust und ich kann einige noch nicht geschmolzenen Schneeflocken darin entdecken. Mit pochendem Herzen verfolge ich, wie er das Geld zusammensammelt und mir dann in die Hand gibt. Er legt das Geld nie in die kleine Schale auf der Theke. Vom ersten Tag an hat er es in meine Hand gelegt.

»Danke«, nuschelt er, als er seine Ware entgegen nimmt.

Jeden Tag kauft er sich eine Schachtel. Er raucht vermutlich wirklich viel inzwischen. Früher hat er das meines Wissens nach nicht getan.
Aber er hat sich in vielerlei Hinsicht verändert. Gar so müde und geknickt hat er damals zum Beispiel auch nicht ausgesehen.

»Einen schönen Tag noch«, wünsche ich ihm etwas heiser und er schenkt mir einen kleinen Blick aus seinen dunklen Augen.

»Ihnen auch«, murmelt er, bevor er das Geschäft verlässt.

»Wie heißt der gleich?«, höre ich Sonjas keifende Stimme.

»Adam«, flüstere ich, »Adam Wiese.«

»Komischer Kauz, was macht der eigentlich?«, fragt Sonja weiter.

»Er ist Lehrer. Unterrichtet Deutsch drüben an der Schiller-Schule«, antworte ich gedämpft.

»Ach? Da warst du doch, oder?«, fragt Sonja.

Ich nicke betreten. »Er war drei Jahre lang mein Lehrer.«

Sonja schweigt, was für sie sehr ungewöhnlich ist.

»Aber er erkennt mich nicht wieder«, sage ich dann mit einem bitteren Kopfschütteln.



Es ist kalt in meiner Wohnung, als ich nachhause komme. Natürlich ist es das, denn wenn ich nicht da bin, dreh ich auch nicht die Heizung auf. Und du machst das sowieso nicht...
Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass du vielleicht doch da bist. Mit langsamen Schritten gehe ich durch meine kleine, gemütlich eingerichtete Wohnung. Die Schlafzimmertür öffne ich mit besonders viel Vorsicht. Ich trete in den kalten Raum und schließe sofort die Augen. Dann atme ich tief durch und denke an dich. Mit aller Kraft, weil ich mir so sehr wünsche, dass du hier bist. Früher lagst du oft im Bett rum, wenn ich nachhause kam. Hast gelesen.
Und jetzt?
Ich öffne die Augen, blicke zum Bett und sehe das schmale Lächeln deiner fein geschwungenen Lippen.

»Na Jo?« Du grinst mich an und ich springe überglücklich auf das Bett zu.

Du bist hier!

Schnurrend schmiege ich mich in deine warmen Arme und werde von dir gehalten. Wieder schließe ich die Augen und genieße deine Nähe... deinen Duft... Das Heben und Senken deiner Brust...

»Wollen wir einen kleinen Winterspaziergang machen?«, fragst du mich und ich setze mich mit strahlenden Augen auf.

»Ja!«, rufe ich aus und du küsst mich nach einem kleinen Lachen.

»Es ist schön, dass man dich mit so einfachen Dingen begeistern kann«, hauchst du gegen meine Lippen.

Ich schmunzle und wir gehen gemeinsam in den Flur, wo wir uns warme Jacken und Stiefel anziehen. Dann verlassen wir die Wohnung und gehen ein Stückchen schweigend durch die Straßen, bis wir zum Feld kommen, welches am Rand des kleinen Stadtteils liegt. Hier ist es schön ruhig. Liebevoll streift mein Blick über die weiße Fläche vor mir. Im Moment schneit es nicht, aber es ist den Tag über genügend Schnee gefallen für eine dichte Schneedecke.

Langsam gehen wir den verlassenen Weg entlang und genießen die Stille, die der Schneefall mit sich bringt. Es gibt so viele Aspekte, die ich am Schnee liebe: die Faszination der kleinen, weißen Flocken, die durch die Luft tanzen können... die Häuser, Autos und Bäume, die wie gepudert aussehen... und diese sanfte Ruhe, welche auch Weihnachten diese besondere Atmosphäre verleiht und für die der Schnee verantwortlich ist.

Deine warme Hand liegt in meiner, ich streiche gedankenverloren über deine Finger und höre dein schwaches Seufzen.
Besorgt schaue ich zu dir und sehe, dass deine Miene schmerzvoll ist.

»Was hast du?«, frage ich leise und drücke dabei deine Hand fester.

Du siehst mich stumm an und bleibst schließlich stehen. Ruckartig ziehst du mich an dich und küsst mich hungrig. Deine Hände rahmen mein Gesicht ein und erlauben mir nicht, mich von dir zu lösen, was ich ohnehin nicht vorgehabt hätte.

»Es ist so wunderschön mit dir«, wisperst du gegen meine Lippen, »Du bist... ein so wertvoller Mensch, Josef.«

»Josef!«

Ich fahre herum. Hinter mir steht eine ehemalige Schulkameradin von mir und grinst mich an.

»Hab ich dich erschreckt?« Sie lacht, bevor sich mich kurz umarmt. »Bewunderst mal wieder den Schnee, nicht wahr?«

Ich reibe mir etwas betäubt die Schläfen und nicke dabei stumm.
»Kommst du auf einen Glühwein mit zu mir?«, bietet sie an, nachdem wir ein Stückchen nebeneinanderher gelaufen sind.

Ich stimme zu und beende meinen einsamen Winterspaziergang.



»Nie schneit es und dieses Jahr fällt gleich am zweiten Tag so viel Schnee wie in den letzten drei Jahren zusammen nicht! Das ist nicht zum Aushalten, ich hasse es, jeden Morgen das Auto freischippen zu müssen und überhaupt ist es so verdammt kalt...«

Ich höre Sonja überhaupt nicht zu. Mein Kopf brummt, obwohl ich schon die zweite Tasse Kaffee trinke. Meine müde zusammengekniffenen Augen starren auf einen imaginären Punkt und es fällt mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.
Ich habe gestern eindeutig viel zu viel Glühwein getrunken.

Nun sitze ich hier und lasse Sonjas munteres Geplapper auf mich einrieseln, ohne es wahr zu nehmen. Heute grüße ich die Leute nur schwach, die einkaufen kommen. Denen scheint das nicht aufzufallen, sie sind ebenso gedanklich abwesend, wie ich es bin.
Die Zeit bis fünfzehn Uhr zieht sich heute extrem unangenehm hin. Die schlaflose Nacht, die ich ohne dich habe verbringen müssen, steckt mir noch so sehr in den Knochen, dass ich gar nicht mitbekomme, wie Adam in den Laden kommt.

Erst als mich seine warme Stimme aufschrecken lässt, entdecke ich ihn drüben bei Sonja. Plötzlich bin ich hellwach und meine Atmung beschleunigt sich...
Adam.

Wie immer kommt er, nachdem er seine Backware entgegen genommen hat, zu mir. Ohne Nachzudenken, greife ich mir die Packung Pall Mall Blue, woraufhin er lächelt.
Er lächelt!
Völlig perplex über diese Mimik, die sein Gesicht erhellt, starre ich ihn an und muss das Lächeln einfach erwidern.

»Sie kennen mich ja inzwischen gut«, schmunzelt er und reicht mir das Geld.

»Sie kaufen seit einem halben Jahr jeden Tag das gleiche«, antworte ich, »Das merkt man sich dann doch.«

Die warmen, dunklen Augen wandern über mein Gesicht. Es ist das erste Mal in diesem halben Jahr, dass er mich bewusst ansieht - zumindest kommt es mir so vor.
Die Welt scheint still zu stehen... Es gibt nur noch Adam und mich... seine dunkelbraunen Augen und meine wässrig blauen, die sich gegenüber stehen und ineinander zu lesen versuchen.

»Ich kaufe seit Jahren diese Marke«, murmelt er dann, »Nicht erst seit einem halben Jahr...«

»Aber ich arbeite hier erst seit einem halben Jahr«, antworte ich gedämpft, »Was vorher war, kann ich nicht wissen.«

Er nickt. »Was haben Sie vorher gemacht?«

»Meine Ausbildung«, antworte ich, »Und eine Weile habe ich drüben im Supermarkt gearbeitet als Praktikant.«

Er nickt nachdenklich. »Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«
Mit diesen Worten ist er verschwunden, bevor ich seine Wünsche erwidern kann.

»Ich sag ja, der Kerl ist verrückt!«, kommentiert Sonja Adams plötzliches Verschwinden.

Doch ich streiche mir mit zittrigen Händen über das Gesicht, und versuche, zu Atem zu kommen.
Das war gerade das erste Mal, dass Adam und ich mehr Worte als den üblichen »Ich nehme...« und »Das macht...« - Dialog miteinander gesprochen haben. Er hat mir zum ersten Mal wirklich in die Augen gesehen! Ausgerechnet heute, wo es mir so schlecht geht... ich muss unwillkürlich lächeln. Ob er sich vielleicht doch an mich erinnert?
An den kleinen, schmalen Jungen mit dem mausgrauen Haar und der unleserlichen Handschrift in der dritten Reihe?
Drei Jahre war Adam Wiese mein Deutschlehrer. Von der achten bis zur zehnten Klasse. Bei ihm habe ich meine Abschlussprüfung geschrieben, die in Deutsch sogar richtig gut ausfiel. Deutsch war immer schon meine Stärke in der Schule. Meine einzige Stärke.
Was war ich froh, als ich die Schule endlich hinter mir hatte... bis mir bewusst wurde, dass ich nun Adam nicht mehr automatisch jeden Tag sehen würde.
Und dann hatte ich hier angefangen zu arbeiten und war nach den reichlichen zwei Jahren, die ich ihn nicht gesehen hatte, aus allen Wolken gefallen, als er plötzlich vor mir an der Theke gestanden hatte.

»Was ist nur los mit dir, Josef?«, fragt Sonja mich plötzlich und tritt zu mir an die Theke.

»Was soll los sein?«, frage ich etwas hektisch.

»In den letzten Tagen bist du oft so unkonzentriert und wirkst übermüdet«, sagt sie mit sanfter Stimme, »Irgendetwas muss doch los sein, oder?«

Wieso muss sie jetzt denn ihre Mutterinstinkte auspacken?
Ich schüttle nur mürrisch den Kopf.

»Hast du denn eigentlich eine Freundin?«, fragt sie mit einem schelmischen Grinsen.

»Nein«, antworte ich knapp.

»Oh... dann bist du also einsam«, sagt sie und es klingt wie eine Feststellung.

Vielleicht ist es das aber auch... vielleicht hat sie ja Recht.

»Ist es das?«, fragt sie nach.

Gott, wie kann ein Mensch so neugierig sein?
Ich mache eine Mischung aus Achselzucken und Nicken, womit ich ausdrücken will, dass sie nicht völlig im Unrecht ist.

»Mh, es wartet also niemand auf dich, wenn du nachhause kommst und du wachst jeden Morgen alleine auf...« Sie nickt mitfühlend und kratzt sich nachdenklich am Kopf.

Mir schnürt es die Kehle zu, als ich bei diesen Worten an dich denken muss. Drei Jahre lang hast du jeden Tag auf mich gewartet und ich bin jeden Morgen in deinen Armen aufgewacht... aber...

»Wie lange geht das denn schon so?«, fragt Sonja weiter.

Merkt sie nicht, dass mir ihre Fragerei unangenehm ist?

»Seit drei Jahren, aber können wir das Thema jetzt bitte lassen?«, antworte ich genervt.

»Also seit du aus der Schule raus und bei deinen Eltern ausgezogen bist?«, übergeht sie forsch meine Bitte.

»Ja verdammt«, zische ich, »Du hast Kunden.« Erleichtert habe ich ein junges Pärchen drüben vor der Kuchentheke entdeckt und nun ist Sonja gezwungen, für einen Augenblick von mir abzulassen.

Als die zwei händchenhaltend den Laden verlassen haben, bleibt Sonja jedoch glücklicherweise hinter ihrer Theke stehen und rückt die Brote zurrecht.

»Du musst mir das nicht erzählen, Josef«, sagt sie dann plötzlich sanft und lächelt zu mir hinüber, »Ich dachte nur, dass wir doch Kollegen sind und füreinander da sein sollten. Ich mag dich, du bist ein netter Kerl. Ich mach mir einfach Sorgen, wenn du so unglücklich drein schaust, darum will ich dir helfen.«

Unweigerlich muss ich ihr Lächeln erwidern. »Das ist lieb von dir«, antworte ich, »Aber mir musst du nicht helfen. Ich komme klar.«



Ich werde von deinen warmen Lippen geweckt, die über meine Wange tanzen. Ganz zärtlich berühren sie meine Haut und locken mich aus dem Schlaf. Mit einem Lächeln drehe ich mich auf den Rücken, jedoch ohne meine Augen zu öffnen. Ich will die Illusion, dass du bei mir bist, nicht vertreiben.
Deine Hände streicheln meinen Körper, während wir uns küssen. Ich seufze, denn es fühlt sich so gut an. Du weißt einfach so genau, was ich will, was mir gefällt und wie du mich zum Schmelzen bringst. In deinen Armen vergehe ich vor Leidenschaft und Liebe...
Dann liegen wir engumschlungen da und als ich die Augen öffne, verlässt du das Zimmer.

Es ist Samstag, ich habe also bis Mittag frei. Darum bleibe ich noch ein wenig im Bett liegen, bevor ich aufstehe und unter die Dusche steige. Zufrieden schnurre ich unter dem warmen Wasser und bleibe viel länger als notwendig an die Wand gelehnt stehen, um die Behaglichkeit zu genießen.

Danach ziehe ich mir frische Kleidung an und öffne im Schlafzimmer das Fenster weit. Es schneit nicht, dafür ist der Himmel strahlend blau und der Sonnenschein lässt die Schneedecke auf den Dächern der umliegenden Häusern glitzern und funkeln.

Die kalte Winterluft schlägt mir entgegen und greift meinen von der Dusche aufgewärmten Körper erbarmungslos an. Zum Lüften lass ich das Fenster dennoch offen und verlasse den Raum. In der Küche bereite ich mir ein kleines Frühstück zu und überlege, wie ich mein Wochenende verbringen möchte. Mir geht es emotional erstaunlich gut, sodass ich gar nicht weiter traurig darüber bin, dass du wieder fort bist.

Schließlich beschließe ich, ein bisschen eher zur Arbeit zu gehen. Der Kiosk macht samstags erst um eins auf, doch ich kann ja noch ein paar Worte mit Sonja wechseln.

Also ziehe ich meinen dicken Mantel über und mache mich wie immer zu Fuß auf den Weg. Einen Führerschein habe ich nicht und darum auch kein Auto

Ich traue meinen Augen kaum, als ich an der Ampel auf Adam treffe. Er steht mit abwesendem Blick steif da und starrt auf das rote Ampelmännchen.
Seine zitternden Finger umklammern einen Zigarettenstummel, an welchem er immer wieder zieht.
Ich trete neben ihn und frage mich, ob ich ihn ansprechen soll. Aus den Augenwinkeln betrachte ich sein Gesicht. Es ist blass und eingefallen... die Haut erscheint mir unrein und ein leichter Drei-Tage-Bart unterstreicht den ungepflegten Eindruck noch mehr.

Adam, Adam, was ist bloß mit dir los?

Nun scheint er mich entdeckt zu haben, denn er dreht sich ruckartig zu mir um und mein Herz setzt für einen Schlag aus. Wieso hat der Mann auch so schöne Augen, die trotz des kränklichen Aussehens seines Gesichtes so strahlen?

»Josef!«, sagt er erstaunt und schenkt mir nun zu allem Überfluss ein Lächeln.

»Sie kennen mich noch?« Ich kann meine Überraschung nicht im Zaum halten.

Adam schmunzelt. »Ja natürlich«, sagt er dann, »Ich... habe nur eine Weile gebraucht, um mich zu erinnern.« Die Ampel springt auf Grün und wir überqueren nebeneinander die Straße. Nervös registriere ich das Zittern meiner Beine.

»Ich habe gestern den ganzen Nachmittag damit verbracht, darüber nachzudenken, wer du bist und woher ich dich kenne«, sagt er dann.

Ich muss lächeln und hätte vor Freude am liebsten einen kleinen Luftsprung gemacht.
Er erinnert sich an mich! Adam hat mich nicht vergessen. Glücklich sehe ich ihn von der Seite an und muss niedergeschlagen feststellen, dass seine Miene wieder hart geworden ist. Den restlichen Weg zum Kiosk legen wir schweigend zurück.

»Du verdienst einen besseren Job«, sagt Adam, als wir vor dessen Tür zum stehen kommen.

Ich hebe die Augenbrauen.

»Du hast verdammt viel Grips, Josef«, fährt er fort. »Andererseits... wenn es dir gefällt, was du hier tust, dann sollst du es weiterhin machen. Es ist wichtig, dass du in deinem Leben das machst, was dich glücklich macht.«

Nachdenklich sehe ich in seine Augen.
Bin ich zufrieden mit meinem Job? Nun... er ist nicht sonderlich spannend. Jeden Tag passiert das gleiche, die Kunden sind meistens dieselben und ich verdiene ausreichend, um alleine zurecht zu kommen.
Ich merke, dass das, was ich an meinem Job so liebe, in diesem Augenblick vor mir steht: jeden Tag gehe ich nur deswegen hier her, weil ich weiß, dass gegen drei Uhr Adam hier aufkreuzen und sich ein Brötchen und eine Schachtel Pall Mall Blue kaufen wird. Ich lebe nur für diese knappen zwei oder drei Minuten, die er hier verbringt... Diese wenigen Augenblicke in seiner Nähe... seine Stimme... seine unabsichtlichen Berührungen, wenn er manchmal beim Bezahlen meine Hand berührt... dafür arbeite ich hier und bin nicht bereit, diese Arbeit aufzugeben.

»Bis Montag«, lächelt er plötzlich und ist im nächsten Moment verschwunden.

Kopfschüttelnd bleibe ich stehen, wo ich bin.
Du stehst hinter mir, das spüre ich. Zitternd schließe ich die Augen und überlege, was ich tun soll: mich zu dir umdrehen und mich von dir in die Zauberwelt entführen lassen? Oder besser in den Laden gehen und meine Arbeit beginnen?
Oder soll ich Adam hinterher laufen?

Als ich die Augen öffne und mich umdrehe, bist du verschwunden. Du hast gemerkt, dass ich gerade keine Zeit für dich habe.



Adam lächelt mich am Montag an, als er in den Laden kommt. Doch außer »Guten Morgen« und »Auf Wiedersehen«, wechseln wir heute keine Worte. Bestellen muss er nicht mehr - ich weiß ja, was er kaufen will. Und den Preis kennt er auch.

Und dennoch fühlt sich mein Herz so wundervoll warm an, als ich mit den Augen verfolge, wie er den Laden wieder verlässt.



Als ich nachhause komme, wartest du im Schlafzimmer und ich falle seufzend in deine Arme. Du streichst über meinen Rücken und drückst meinen Körper an dich.
»Ich liebe dich«, murmelst du in mein Haar, »ich liebe dich so sehr, wie ich noch nie in meinem Leben einen Menschen geliebt habe...«

Nun kommen mir fast die Tränen als in deine Augen sehe, aus denen so viel Liebe spricht, dass mir die Luft wegbleibt.
Innig umarme ich dich und murmle dir zu, dass du mir ebenso viel bedeutest. Eigentlich hast du gar keine Ahnung, wie wichtig du mir bist, denn ich kann es nicht in Worte fassen…



Der Dienstag beginnt mit einem regelrechten Schneesturm, durch den ich mit springendem Herzen laufe. Schnee, so viel Schnee!!

Durchgefroren erreiche ich den Laden und finde eine verärgerte Sonja vor, die wie immer dabei ist, sich über das aufzuregen, was niemand ändern kann: das Wetter.

»Strahl nicht so!«, faucht sie mich an.

»Kann ich es dir eigentlich irgendwie recht machen?«, frage ich lachend zurück, »Wenn ich müde und mürrisch bin, regt es dich auf, aber bin ich gut gelaunt, dann beschwerst du dich auch.«

Sonja verdreht die Augen und die nächste Stunde sind wir mit Verkaufen beschäftigt. Die übliche darauf folgende Wartezeit auf Adam verläuft wie immer von Nervenkitzel begleitet. Vor allem steigt meine Anspannung, als er halb vier noch immer nicht erschienen ist. Normalerweise kommt er nur Mittwochs etwas später...

Der Laden schließt achtzehn Uhr und ich bin deutlich ernüchtert, da Adam bis dahin nicht erschienen ist. Traurig verabschiede ich mich von Sonja und als ich gerade die Straße überquert habe, höre ich hinter mir hastige Schritte und eine schwache Stimme meinen Namen rufen.

»Adam?«, flüstere ich und drehe mich ungläubig um.

»Geh von Straße runter«, ruft Adam mir zu und ich höre das Rauschen eines herannahenden Autos.

Im nächsten Augenblick werde ich nach hinten gestoßen und lande auf dem Rücken auf dem Bürgersteig. Das Quietschen der Bremsen des Autos habe ich noch im Ohr, doch ich sehe nur geistesabwesend in die geschockt geweiteten, dunklen Augen über mir.

»Du kannst doch nicht einfach auf der Straße stehen bleiben!«, flüstert Adam zittrig und hilft mir auf die Beine.

Ungläubig sehe ich von ihm zu dem Auto, das auf der Straße gehalten hat und nun wieder anfährt, während mich der Fahrer verärgert ansieht.

»Er hätte dich beinahe überfahren«, kommentiert Adam.

Ich suche seinen Blick. »Sie haben mich gerettet«, antworte ich.

»Adam.«

»Mh?«

»Ich duze dich, also kannst du dasselbe tun. Ich bin nicht mehr dein Lehrer, Josef.«

Zwar rast mein Herz vor Schock noch immer, doch ich muss lächeln.

»Danke. Dass du mich gerettet hast...«

Er zuckt die Achseln. »Wegen mir bist du überhaupt erst stehen geblieben, also...«

»... war es deine Pflicht.« Ich nicke ernüchtert.

»Du hast schon zugemacht, oder?«, fragt er dann und deutet auf die Ladentür auf der anderen Straßenseite.

Ich nicke. »Achtzehn Uhr. Wie immer.«

Er seufzt.

»Bist du jetzt auf Entzug?«, kann ich mir die eigentlich viel zu freche Frage nicht verkneifen.

Er sieht mich an. »Das ist nicht lustig, Josef«, flüstert er.

»Entschuldige«, murmle ich und krame in meiner Tasche.

Mit einem schmalen Lächeln reiche ich ihm die Packung Pall Mall Blue, die ich vorhin noch gekauft habe, bevor ich den Laden schloss.

»W-Was?« Er muss lachen. »Was soll das denn?«

»Ich hab sie für dich gekauft«, antworte ich ehrlich.

Ich kaufe oft diese Zigaretten, obwohl ich nicht rauche. Eigentlich kaufe ich sie für dich... für Adam…
Ich lächle Adam an, der mich nachdenklich mustert. Dann nimmt er mir die Packung aus der Hand und legt mir stattdessen das passende Geld hinein.

Schweigend stecke ich es ein und sehe Adam zu, wie er seine Zigarette anzündet und einen tiefen Zug nimmt.

»Komm mit, ich lade dich auf einen Glühwein ein.« Er sucht meinen Blick, sieht dabei aber selber sehr ernst aus.

»Gut...« Ich nicke und folge ihm.

Schweigend gehen wir nebeneinander her und ich fühle mich, als würde ich träumen. Das kann nicht Adam sein, der da neben mir her läuft... Unmöglich.

Adam bewohnt eine kleine Wohnung in einem schönen, alten Fachwerkhaus. Er hat einen Kamin, den er anfeuert, bevor er mich bittet, auf dem kleinen Sofa Platz zu nehmen.

Schweigend lasse ich mich auf dem weichen Polster nieder. Noch ist es kühl in der Wohnung, doch bald beginnt das Feuer im Kamin zu knistern und wärmt den Raum auf.
Adams Wohnung erscheint mir trostlos und leer. Keine Bilder an den Wänden, die leer und klinisch weiß auf mich hinab sehen. Die Möbel sind schlicht und größtenteils staubbedeckt. Der Kamin ist das einzig Schöne in der ganzen Wohnung... abgesehen von Adam selbst.
Und überall riecht es nach Rauch...

Adam kehrt mit zwei dampfenden Tassen aus der Küche zurück und reicht mir eine davon.

»Danke«, flüstere ich und er setzt sich neben mich. Das Sofa ist so verdammt klein, dass sich dabei unsere Knie berühren.

Nachdenklich schlürfe ich das heiße Gebräu und genieße die leicht betäubende Wirkung, die der Alkohol hat.
Schweigen herrscht zwischen Adam und mir, bis er fragt: »Lebst du allein?«

Ich drehe mich zu ihm um. Das Flackern des Kaminfeuers spiegelt sich in seinen großen, dunklen Augen, die mich wachsam ansehen.
Vorsichtig nicke ich.

»Magst du das?«, fragt er weiter.

»Das Alleineleben?

Er nickt.

»Nein«, flüstere ich dann ehrlich, »Wenn ich ehrlich bin... ich sehne mich nach...« Ich stocke.

»Gesellschaft, mh?« Er schmunzelt traurig, sagt dann aber nichts mehr.

»Geht es dir auch so?«, frage ich behutsam und sehe zu ihm.

Sein Blick ist in die Flammen des Feuers gerichtet. Er scheint in Gedanken weit weg zu sein...

»Adam?«

Er schaut zu mir auf. »Ja«, antwortet er auf meine Frage, »Ich... bin auch einsam.«

Abstruserweise muss ich lächeln.
Er nickt mit wissendem Blick. »Da haben sich nun zwei Einzelgänger gefunden«, meint er leise.

Erst nicke ich, doch dann erinnere ich mich an das, was mich zu meiner Schulzeit immer so traurig gestimmte hatte, wenn mich meine Gefühle für Adam wieder einmal überrannten.

»Entschuldige, wenn die Frage etwas persönlich ist, aber...« Ich zögere, »Du warst doch verheiratet, oder?«

»Ja«, antwortet er leise. »Aber...« Er schüttelt den Kopf. »Ich rate dir, niemals zu heiraten, Josef.« Er sieht mich nun ernst an. »Liebe ist wunderschön. Wenn du glaubst, einen Menschen zu lieben und dir sicher bist, dass du dein restliches Leben mit diesem Menschen verbringen willst, dann sage diesem Menschen das. Sprich mit diesem Menschen darüber. Aber komme bloß nicht auf die Idee, ihn durch einen Ring und einen Schwur vor Gott dazu zu zwingen, dir treu zu bleiben. Es ist keine Treue und kein Vertrauen mehr, wenn man sich wegen der Ehe dazu gezwungen fühlt. Wenn zwei Menschen sich wirklich lieben, dann brauchen sie keine kitschige Feier und keine heiligen Versprechen, um diese Liebe ihr restliches Leben lang in sich zu tragen.«

Eine kleine Träne hat sich in seinen Augenwinkeln gebildet und läuft über seine Wange hinab.

Schmerzhaft zieht sich mein Herz zusammen und ich schüttle den Kopf. »Ich hatte nie vor, zu heiraten«, flüstere ich.

»Das ist gut«, lächelt er, »Das ist klug...«
Ein Seufzen kommt über seine Lippen und er nimmt einen hastigen Schluck von seinem Getränk.

Draußen ist es schon längst dunkel geworden. Dennoch kann ich die Schneeflocken sehen, die an der Fensterscheibe vorbeifliegen.

»Magst du den Winter?«, frage ich leise.

»Er ist so dunkel«, flüstert Adam.

»Aber der Schnee... er ist hell.«

»Und kalt.«

---

Ich komme ziemlich angetrunken zuhause an. Adam und ich haben kaum noch miteinander gesprochen, aber noch viel Glühwein getrunken, und als ich mich von ihm verabschiedete, waren unser beider Stimmen stark belegt.
Ich denke keine Sekunde lang an dich, als ich in mein Bett falle.

Doch ich träume schlecht. Ich träume von dir... Ich träume, wie ich dich verliere, wie du vor meinen Augen gehst, dorthin, wo ich dir nicht folgen kann. Immer wieder schrecke ich aus dem Schlaf und starre dann abwesend hinaus in den Schneesturm.
Am Morgen aufzustehen schmerzt furchtbar. Mein Körper ist träge und jeder Bewegung folgt ein unangenehmes Ziehen in den entsprechenden Muskeln.
Ich taumle in den Kiosk, nehme die Kälte nicht wahr, die sich in meine Knochen bohrt, da ich die falsche Jacke angezogen habe.

Sonjas bestürzten Blick, als ich so deutlich erschöpft in den Laden stolpere, ignoriere ich einfach und wanke in das Räumchen hinter der Theke, von dem eine schmale Tür in ein winziges Badezimmer führt.

Zitternd stütze ich meine Hände auf der Kloschüssel ab und übergebe mich keuchend. Ich habe heute morgen nichts gegessen, darum hat mein Magen außer bitterer Säure nichts, was er durch meine Speiseröhre zurück ans Tageslicht befördern könnte.

»Josef, was ist denn passiert?« Sonja steht besorgt in der Tür.

»Geh weg«, presse ich hervor und sinke erschöpft auf die Knie. »Ich hab... nur nen Kater.«

Sonja geht nicht und ich bin mir sicher, dass sie weiß, wie glücklich sie mich damit macht. Es tut so gut, wie sie den Arm um mich legt und mir etwas zu trinken gibt. Ich fühle mich behütet, als sie mich zurück in den Abstellraum führt und mich auf das winzige Sofa dort drückt.
»Ruh dich aus, du hast ja noch eine viertel Stunde bis zur Öffnung«, sagt sie, »Wenn‘s nicht geht, dann rufe ich Stephan an.«

Ich bin eingeschlafen, bevor ich zustimmen kann.



Mein Magen krampft erneut, wodurch ich aufwache. Doch ich schaffe es, ihn unter Kontrolle zu behalten und schaue mich nur verwirrt um.
Noch immer befinde ich mich in dem kleinen Abstellraum. Die Tür zum Laden ist geschlossen, doch ich kann das Lachen von meinem Kollegen Stephan hören. Eigentlich arbeitet er in einer größeren Filiale am anderen Ende der Stadt, doch er springt immer bei mir ein, wenn es mal notwendig ist. Bisher war es nur ein mal der Fall, als ich ähnlich wie heute mit heftigem Fieber erwacht und einfach nicht zum Arbeiten in der Lage gewesen war.

»Josef...«

»Adam?!« Erschrocken fahre ich herum und entdecke den schönen Mann am Fenster. Er hat bis eben regungslos dagestanden, sodass ich ihn noch nicht wahrgenommen habe.

»Was zur Hölle tust du hier?« Ich starre ihn an.

»Ich kam in den Laden und du warst nicht da«, antwortet er und tritt zu mir ans Sofa, auf welchem ich mich nun aufrichte. »Ich habe mir Sorgen gemacht und deinen Kollegen nach dir gefragt. Nach seiner Erklärung, du hättest einen Kater, fühlte ich mich verantwortlich und mir wurde erlaubt, nach dir zu sehen.«
Ein schmales Lächeln ziert sein Gesicht.
»Wie geht es dir?«

»Adam...«, wispere ich nur erschöpft und sinke zurück in eine liegende Position.

Seine große, warme Hand legt sich auf die meine. »Du bist nicht allein, Josef.«

Schwach seufze ich auf und schließe meine Augen. Adam...



Das nächste Mal erwache ich, weil mich Sonja am Arm schüttelt.

»Nun wach mal auf, du hast den ganzen Tag geschlafen!«, ruft sie aus, »Jetzt musst du mal etwas essen!«

Mir wird ein trockenes Brötchen unter die Nase gehalten, von welchem ich artig einen Happen abbeiße.
Meine zitternden Hände schließen sich um das Stück Brot und ich richte mich langsam auf.
Sonja hockt neben dem Sofa und mustert mich mit mütterlich-besorgtem Blick. Automatisch wanderte mein Blick suchend durch den Raum.

Adam... Nirgends ist er zu sehen.

»Der Herr Wiese ist nachhause gegangen. Er musste Arbeiten korrigieren«, erklärt Sonja mir und ich nicke niedergeschlagen.

»Ich geh auch heim... beziehungsweise zum Arzt, ich brauch ja ne Entschuldigung«, nuschle ich und stemme mich auf.

»Pass auf dich auf, Josef«, murmelt Sonja.



Die Sehnsucht nach Adam wird unerträglich. Obwohl ich mich am nächsten Tag noch immer wie gerädert fühle, gehe ich zur Arbeit, einfach weil ich Adam wiedersehen muss. Es gibt in meiner kleinen, einsamen Welt plötzlich nur noch ihn... gut, eigentlich war es nie anders.
Seit der neunten Klasse schlägt mein Herz für diesen Mann und das hat sich bis heute nicht geändert... doch konnte ich meine Sehnsucht meistens in irgendeiner Weise verarbeiten. Durch dich. Aber jetzt... jetzt bist du aus meiner Welt verschwunden und es gibt nur noch Adam...



»Wie geht es dir?«, fragt Adam leise, als er gegen halb vier vor mir steht.

Einen Augenblick lang versinke ich in seinen dunklen Augen, dann murmle ich: »Es geht.«
Dadurch, dass er hier ist, hat sich meine Schwäche in Luft aufgelöst und ich fühle mich nur noch seltsam warm und taub.

»Willst du heute Abend zum Abendessen zu mir kommen?«, fragt er und lächelt leise.

Müde sehe ich ihn an. »Gerne«, flüstere ich und fühle auf einmal einen Kloß im Hals. Liebevoll streicht er über meine Finger, als er die Münzen für die Zigaretten in meine Hand klimpern lässt.



Ich falle fast um vor Müdigkeit, als ich vor Adams Tür stehe und klingle.
Doch sein schwaches, aber ehrliches Lächeln muntert mich auf und ich lasse mich zufrieden auf den Stuhl am Esstisch sinken. Er hat Nudeln gekocht... ganz simpel mit Tomatensoße, doch ich habe das Gefühl, nie etwas Schmackhafteres gegessen zu haben.

Nach dem Essen sitzen wir stumm da, bis er leise fragt: »Wieso warst du eigentlich auf einer Mittelschule?«

Ich hebe den Blick. »Wieso?«, wiederhole ich verwirrt.

»Du gehörst nicht auf eine Mittelschule, du hast durchaus das Potenzial, ein Gymnasium zu besuchen«, sagt er.

»Meinst du?« Ich hebe skeptisch die Brauen.

»Sicher.«

»Mh, darum habe ich auch selbst auf der Mittelschule immer nur schlechte Zensuren gehabt und meinen Abschluss nur mit Mühe geschafft«, meine ich ironisch. Meine Stimme klingt ziemlich bitter.

Adam seufzt. »Aber in deiner Birne hast du trotzdem ne ganze Menge.« Er lächelt.

»Ne Menge Luft«, murmle ich.

»Josef.« Auf einmal liegt seine Hand auf meiner. »Nur weil du nicht den Anforderungen der Schule entsprichst, bist du nicht dumm.«

Ich schließe die Augen und konzentriere mich voll und ganz auf die Berührung unserer Hände.

»Ich bin...«, setzte ich an.

»Ja?« Seine Stimmte ist so warm... ich liebe sie so sehr, dass mir die Tränen in die geschlossenen Augen steigen.

»... ein Träumer«, wispere ich.

Ich weiß nicht, wie er darauf reagiert, da ich meine Augen noch immer nicht geöffnet habe.

»Bist du müde? Willst du dich etwas hinlegen?«, höre ich dann seine Stimme.

Ich kann nur nicken und blinzle träge durch meine Lider. Adams Gestalt vor mir verschwimmt immer wieder, es fällt mir schwer, das Bild scharf zu stellen.

»Komm.« Er zieht mich sanft auf die Beine und führt mich in sein Schlafzimmer. Hier ist es eiskalt.

Behutsam deckt er mich zu, nachdem ich auf die Matratze seines Bettes gesunken bin. Hier riecht alles nach ihm.

...

Als ich aufwache liegst du eng an mich geschmiegt.
Nein...
Ich drehe mich auf den Rücken und sehe den Mann an, der schlafend neben mir liegt. Das bist nicht du... das ist Adam.
Oder bist doch du es?
Wo bin ich?

Hektisch atmend schau ich mich um und erkenne allmählich meine Umgebung wieder. Dann schaue ich erneut auf den schlafenden Mann neben mir und lächle... nein, das bist nicht du. Das ist wirklich Adam.

Ich drehe mich zu ihm und betrachte sein Gesicht. Es ist entspannt, aber unglücklich wirkt es dennoch... Wie schön er ist. Wie schön seine Lippen geschwungen sind...

Unbewusst hebe ich eine Hand und streiche über seine Wange. Die raue Haut unter meinen Finger erzeugt eine Gänsehaut auf meinem Rücken.
Dann schlägt er die Augen auf und sieht mich an...

»Komm her«, flüstert er und legt wieder die Arme um mich.

Müde schließe ich die Augen und vergrabe das Gesicht an seinem Hals.
Es ist alles so viel intensiver als mit dir...



Am nächsten Morgen bringt Adam mich nachhause, bevor er in die Schule geht. In meiner Wohnung ziehe ich mir etwas Frisches an und gehe dann ebenfalls zur Arbeit.
Am frühen Nachmittag kommt er wie immer in den Laden und ich seufze glücklich, als sich unsere Blicke begegnen.

»Wie geht es dir?«, fragt er sanft und streicht dabei über meine Hand.

»Gut«, lächle ich. »Und dir?«

Er senkt den Blick auf meine Finger, die sich den seinen entgegen drängen.

»Es ist so kalt«, antwortet er dann und löst seine Hand von mir.



Du begrüßt mich an der Tür, als ich nachhause komme.

»Wie war dein Tag?«, fragst du liebevoll.

»Schön«, lächle ich dich an und genieße die Berührung deiner Lippen an meinem Hals. »Aber… ich habe dich vermisst.«

»Oh ja, ich dich auch«, antwortest du und richtest dich wieder auf.

Wir gehen in die Küche und ich koche uns einen Kaffee. Die ganze Zeit über hältst du meine Hand und es fühlt sich unheimlich intensiv an.



Viel zu früh, um aufzustehen, klingelt es in dieser Nacht an meiner Wohnungstür. Schlaftrunken erhebe ich mich und taumle durch den dunklen Flur.

Vorsichtig schiebe ich die Tür ein Stück auf und luge durch den schmalen Spalt.

»Josef?«
Die Stimme schickt mir warme Schauer über den Rücken und ich öffne die Tür weiter.

Kräftige, aber kalte Arme schlingen sich um mich und ich werde fest an Adams zitternden Körper gedrückt.

»Oh Gott, Josef…«, wimmert er an meinem Ohr und streicht besitzergreifend über meinen Rücken.

»Was ist denn los?«, frage ich perplex und mit noch immer leicht verschlafenem Kopf.

Langsam lässt er mich soweit los, dass wir uns ins Gesicht schauen können. Seine Augen sind gerötet, ebenso wie seine Wangen. Doch sein restliches Gesicht erscheint mir blass.
»Es tut mir Leid«, flüstert er, »Es tut mir furchtbar Leid, dass ich dich geweckt habe…«
Er schluckt schwer. »Ich… glaube, ich habe etwas Fieber und hatte einen Alptraum…« Seine Lippen beginnen gefährlich zu beben und ich lege beruhigend meine Hand auf seine Schulter. »Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich deinen Tod nur geträumt habe, oder nicht… ich musste dich sehen, Josef«, wispert er und ich verfolge die zwei kleinen Tränen, die über seine erhitzten Wangen laufen.

»Komm mit, ich mach uns einen warmen Tee«, murmle ich und führe ihn an der Hand in die Küche.

Adam sinkt erschöpft auf einen Stuhl und ich ziehe mir einen Stuhl heran, um mich neben ihn setzten zu können. Stumm lauschen wir dem Blubbern des Wasserkochers, dann tastet Adam plötzlich nach meiner Hand.
Ich muss lächeln. Adam ist hier…

Eine Stunde später sitzen wir nebeneinander auf dem Sofa im Wohnzimmer und schauen den Schneeflocken vor dem Fenster bei ihrem Tanz in der Luft zu. Es ist noch dunkel, aber in einer Stunde muss ich los.

Gesprochen haben wir nicht viel. Die Nähe zueinander hat uns beiden genügend Behaglichkeit gegeben und ich fühle mich so wohl, wie seit Monaten nicht mehr.

Ich berühre seine Hand und frage: »Woher weißt du eigentlich, wo ich wohne?«

Er blickt mich mit sanften Augen an. »Ich habe dich einmal beobachtet.«

Dann sagt er nichts mehr, sondern lächelt nur geheimnisvoll. Im nächsten Augenblick berühren sich unsere Lippen.

»Jo…« Sein Atem streift über mein Gesicht und ich schließe zitternd die Augen.

Er nennt mich wirklich so, wie du es immer getan hast…

Nun küsst er wieder meine Lippen und ich seufze, als er seine Hand an meine Wange legt.

»Wir sollten das nicht tun«, wispert er, ohne damit Aufzuhören, meinen Mund und dann meine Wange zu küssen.

Ich sage nichts. Mein Gehirn funktioniert nicht mehr. Adam.

Er wandert tiefer, zu meinem Hals… Schmiegt seine Lippen an die empfindliche Haut. Mein Seufzen wird zittriger, bis er den Kopf hebt.

»Nicht aufhören«, wimmere ich, »Hör jetzt bitte nicht auf, Adam…«

Sein Gesicht ist wieder auf der Höhe von meinem.
»Ich muss in die Schule«, wispert er und ich realisiere erst nach einigen Sekunden, was er gesagt hat.

Als die Wärme seines Körpers sich von dem meinen entfernt, öffne ich die Augen wieder und sehe ihn verletzt an.

»Geh nicht«, bitte ich ihn leise, doch er ist schon auf dem Weg zur Tür.

»Adam!«, rufe ich aus.

»Wir sehen uns doch nachher.« Er steht im Flur, in den ich ihm hinterhergelaufen bin, und lächelt mich an.

Ich atme tief durch und lächle ebenfalls. Adam hat Recht. Wir sehen uns nachher im Laden…



Als wir uns tatsächlich wie immer um fünfzehn Uhr wieder sehen, weiß wohl keiner von uns beiden, dass es das letzte Mal ist, dass wir uns gegenüberstehen.

Sein kleines Lächeln, der Blick seiner warmen Augen...



Am nächsten Tag kommt Adam nicht. Ich beschließe, ihn zu besuchen, doch niemand öffnet mir. So lege ich die Packung Pall Mall Blue auf den Türvorleger und gehe nachhause. Eine gewisse Sorge plagt mich… gemischt mit bitterster Sehnsucht…

Du wartest zuhause auf mich. Seltsam, ich hatte gedacht, dass du vollends aus meinem Leben verschwunden bist. Aber doch... da bist du wieder.

»Wie geht es dir?«, fragst du. Deine Stimme...

»Ganz gut«, flüstere ich.

Du verschwimmst vor meinen Augen. Nein, du bist nicht wirklich mehr so präsent wie die letzten Jahre. Was ist nur passiert…?

Adam.

Mir ist so kalt, obwohl die Heizung im Wohnzimmer auf Hochtouren läuft.

Adam, mir ist so kalt.

Ich schlafe in der Nacht schlecht. Du bist nicht da, ich träume aber von dir... und von Adam. Ich träume mehr von Adam, als von dir, glaube ich.



Auch am nächsten Tag kommt Adam nicht und ich beginne vor Verwirrung und Liebe zu zittern. Erneut gehe ich nach der Arbeit zu seiner Wohnung. Die Schachtel Zigaretten liegt noch immer dort, wo ich sie gestern zurückließ.

»Wo bist du?«, wispere ich erstickt und auf einmal verspüre ich eine Angst, die mir die Kehle zuschnürt.

Noch nie hatte ich so stark das Gefühl, dass du nicht mehr da bist.
Du bist weg...
Ich bin allein.
Und wo ist Adam?
Wenn du weg bist, wo ist dann Adam?

Ich laufe los... am Kiosk vorbei, in der Hoffnung, du würdest dort sein... nein, Adam würde da sein. Doch er ist es nicht.

Zuhause halte ich es nicht aus, darum gehe ich hinaus aufs Feld. Es ist heute etwas wärmer als die letzten Tage, der Schnee beginnt ganz leicht zu schmelzen. Das ist die ekelhafteste Zeit - wenn der Schnee schmilzt. Die matschigen, grauen Pfützen und der Schlamm… dieses hässliche Gemisch aus Dreck und Schnee, der einmal strahlend weiß gewesen war… überall auf den Straßen und Wegen.

Ich friere trotz meiner dicken Winterkleidung. Ich sehne mich so sehr nach Adam, dass es wehtut.
Mein Herz trommelt immer schneller, dabei laufe ich inzwischen gar nicht mehr so hastig. Meine Schritte werden immer langsamer, plötzlich habe ich das dringende Bedürfnis, umzukehren und mich in Sicherheit zu bringen.

Der Feldweg ist verlassen... Ich bin hier ganz allein.
Dann sehe ich die Gestalt, die abseits vom Weg neben einem Baum im Schnee liegt. Erst bleibe ich stehen, doch dann wird mir schlecht und ich laufe auf die Gestalt zu.

Adam...

Seine Haut ist genauso kalt wie der Schnee um ihn herum. Die dunklen Augen ein kleines Stück geöffnet und matt.

»ADAM!«

Ich packe seine Schultern, sein Körper ist ganz hart.

»Adam...« Ich keuche erstickt auf und streiche mit einem Finger über seine blauen, leicht geöffneten Lippen. Kein Atemzug wärmt meine Finger...

Mir wird schwindlig.

Adam...

Ich hätte umkehren sollen, als ich noch die Möglichkeit dazu hatte.

»Ich liebe dich, Adam!«

...

»Der schien ja nicht mal betrunken zu sein. Wer legt sich denn bei so einem Wetter in den Schnee schlafen?«
Der Polizist betrachtet Adam mit gerunzelter Stirn.

»Selbstmord vielleicht… oder andere Drogen«, meint ein anderer Polizist.

Ich habe das Gefühl, taub zu werden. Keine Geräusche dringen plötzlich in mein Gehirn mehr vor. Da ist nur noch Stille… jedoch keine warme und angenehme Stille. Nein… nun ist es eisiges Schweigen.
So laufe ich wieder los... laufe weg... Nachhause, durch den Schnee. Durchgefroren stoße ich die Wohnungstür auf und stürze in den Flur. Meine Beine geben nach und ich sinke in einer verkrampfen Haltung auf den Boden.

Adam.

»Josef?«

Ich hebe den Kopf und kann meinen Augen nicht trauen. Da steht er - Adam, mein Adam! Hier vor mir, in meiner Wohnung… die Zeit steht still.

»Hey, was ist denn los?« Er hilft mir auf die Beine.

Ich taumle von ihm gestützt ins Schlafzimmer und falle ins Bett. Adam legt sich neben mich und nimmt mich in den Arm…
Aber es ist nicht Adam. Du bist es…

»Adam«, schluchze ich, »Adam...« Hilfesuchen umklammere ich dich... ich umschlinge deinen Körper...
Nein... ich umschlinge die Bettdecke.

Dann öffne ich die Augen. Wo bist du?
Warst du nicht eben noch da? »Wo bist du?«, frage ich laut. Ich erhalte keine Antwort. Nun bist weder du noch Adam da.

So stehe ich auf und trete ans Fenster. Es ist dunkel, aber die Uhrzeit weiß ich nicht. Ist ja auch nicht wichtig. Aber es schneit wieder. Also ist es sicher kälter als es den Tag über gewesen war.
Du trittst nicht zu mir und nimmst mich in den Arm. Du schaust nicht über meine Schulter hinweg in den Schnee hinaus und freust dich darüber, dass ich den Schnee so sehr bewundere.

Ich muss lachen. Adam ist tot. Und darum bist auch du tot. Natürlich bist du das. Du warst der Adam in meinem Kopf... wie soll der leben, wenn der echte Adam es nicht mehr tut?

Meine Hände legen sich auf die glatte Oberfläche der Fensterscheibe und die Gedanken in meinem Kopf fangen an, zu schmerzen. Ob Erfrieren wohl schmerzhaft ist? Sicher... ich stelle es mir furchtbar vor. Wieso hast du das getan? Wieso hast du dich in den Schnee gelegt?
Ich werde die Antworten wohl nie erfahren.

Langsam öffne ich die Balkontür und trete hinaus. Die Kälte, die mich umfängt, ist beißend und ich überlege, ob ich lieber wieder ins Warme zurückkehren soll. Aber Adam hat auch gefroren.

Eine Schneeflocke landet auf meiner ausgestreckten Hand.

»Ich hasse dich«, sage ich zu ihr und schaue ihr beim Schmelzen zu, »Wieso seid ihr ... du und deine unzähligen Kameraden... wieso seid ihr so verdammt kalt?«

Die Schneeflocke zerläuft zu einem nassen Fleck auf meiner Hand. Sie stirbt durch mich. Genauso wie Adam durch hunderttausende ihrer Gefährten gestorben ist.

12.10.10 20:39

Letzte Einträge: Vorschau, Unter diesen Sternen, Ich bin gekommen, um Adieu zu sagen, Loslassen, Nach dem Erdbeben

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen