Letztes Feedback

Meta





 

Nach dem Erdbeben

Genre: Drama

 

Dieser Text entstand im Zusammenhang einer Aufgabe im Deutschunterricht vor gut drei Jahren. Ich schrieb eine kleine Geschichte zu dem Stichwort Erdbeben.

Nach dem Erdbeben
Das Erdbeben hatte die ganze Stadt in Schrecken versetzt. Obwohl es keinen zu großen Schaden angerichtet hatte. Es gab keine Toten und kaum Verletzte.
Bis auf dich.
Als ich dich fand hatte ich das Gefühl, mir würde der Boden unter den Füßen weggezogen.
Es war zur Morgendämmerung gewesen.
Die schläfrige Stimmung, die zu dieser Tageszeit normalerweise in den Straßen herrschte, war durch die Unruhen in der Nacht gar nicht erst aufgekommen.
Überall waren Menschen unterwegs.
Man wollte den Nachbarn versichern, dass niemandem etwas zugestoßen war, dass das Haus noch stand und nichts außer dem umgekippten Bücherregal zu Schaden gekommen war, und gleichzeitig selber nach seinen Bekannten schauen, ob jemand Hilfe brauchte.
Es waren aufgeregte Rufe zu hören und erleichtertes Lachen, wenn  man einem Freund in die Arme fiel, dem zum Glück nichts passiert war.
Nur ich konnte mich der Fröhlichkeit nicht anschließen.
Ich konnte keinen unversehrten Freund in die Arme nehmen… mein Freund war nicht unversehrt…
Ich hatte die ganze Nacht nach dir gesucht.
Meine Eltern waren nicht zuhause gewesen und die Einsamkeit hatte mir nur noch mehr Angst gemacht, als der Boden zu beben begann.
Ich wollte zu dir, doch dein Haus fand ich verriegelt und verlassen vor.
Also strich ich durch die dunklen Straßen auf der Suche nach dir.
Als ich dich schließlich fand, kämpften sich bereits die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont und warfen ein trügerisch freundliches Licht auf den Anblick, der sich mir bot.
Der Brunnen, über dessen Rand ich mich gebeugt hatte und auf dessen Grund ich mit vor Entsetzten weit aufgerissenen Augen starrte, war tief und fast leer.
Am Grund fanden sich noch ein paar Pfützen mit dreckigem und drüben Wasser.
Und inmitten dieses traurig-grauen Schlammes lagst du.
Dass du tot warst, sah man dir eigentlich gar nicht an. Es sah eher so aus, als hättest du dich zum Schlafen absurderweise auf dem Boden des Brunnens zusammengerollt.
Doch du schliefst nicht, deine Brust hob und senkte sich nicht gleichmäßig, denn du atmetest überhaupt nicht mehr.
Eine Weile starrte ich einfach nur nach unten auf deinen reglosen Körper und wartete darauf, dass du die Augen aufschlugst und zu mir hinauf lächeltest oder, dass ich aus diesem Alptraum aufwachte… Du konntest doch nicht tot sein!
Ich erfuhr erst später, wie du umgekommen warst. Du hattest dich mit einer Gruppe Betrunkener gestritten und sie hatten dich schließlich überwältigt und in den Brunnen geworfen, wodurch du dir das Genick gebrochen hattest… Dein Tod hatte also nicht mal etwas mit dem Erdbeben zu tun gehabt… Als wäre das ein Trost für mich!
Ich begann krampfartig zu schluchzen und klammerte mich am Rand des Brunnens fest.
Plötzlich legten sich zwei weitere Hände neben meine.
Mit tränenverschleiertem Blick sah ich zu dem Jungen auf, der neben mir stand und mit ausdruckslosem Blick zu dir hinab spähte.
Ich kannte ihn. Jeder kannte ihn hier in der Stadt.
Du hattest ihm einmal ein Gewand von einem Straßenjungen geschenkt, weißt du noch?
Ach was frage ich dich noch? Du kannst mir ja doch nicht mehr antworten!
Der Junge neben mir hob den Kopf und sah mich an.
»Ist er tot?«
Obwohl er keine Miene verzog hörte ich an seiner belegten Stimme, dass er über deinen Tod ebenfalls erschüttert war.
Seine Frage blieb unbeantwortet, da ich es nicht über mich brachte, seine Aussage zu bestätigen. Es auszusprechen, hätte es so unwiderruflich gemacht, so endgültig.
Es war unwiderruflich, dass du nicht mehr am Leben warst, doch manchmal scheinen Dinge nicht zu existieren, wenn man nicht über sie spricht…
Der Junge schien zu  verstehen, was mir durch den Kopf ging.
Er erwartete gar keine Antwort, denn er kannte sie schon.

Nach einem letzten Blick zu dir in den Brunnen verschwand er und ich blieb weinend zurück, während die Sonne vollends aufging und ein weiterer Morgen anbrach.

13.10.10 15:41, kommentieren

Werbung


Loslassen

Genre: Drama

Hinweis: Du-Perspektive  

 Den Kopf gesenkt geht sie den Fußweg entlang. Ihre Schritte sind langsam, wirken müde... etwas taumelnd... Ein strahlend blauer Himmel über ihr, warmer Sonnenschein, eine leichte Brise, die ihre hellen Haare durch die sommerlich duftende Luft tanzen lässt. Sie schaut nur selten auf, beachtet den endlich eintretenden Sommer kaum, der sie umgibt und sich so wundervoll ausladend präsentiert. Sie scheint mit den Gedanken ganz woanders... der abwesende Blick ist traurig... oder zumindest nachdenklich und dabei melancholisch. Wieso nur? Ist sie jetzt nicht vorrübergehend frei? Hat sie nicht gerade eben erst die Last hinter sich gelassen, die sie immer öffentlich als ihre größte Sorge bezeichnet hatte? Die Last, die auch die Gleichaltrigen froh sind, nun für sechs Wochen los zu sein? Ja, das hat sie... natürlich, darum läuft sie auch so langsam. Nun hat sie frei, braucht sich nicht mehr zu beeilen und ewig herum zu hetzen. Sie kann langsam gehen... endlich wieder. Kann den Sonnenschein genießen, der sie umgibt, und ihn nicht nur als zynischen Kommentar des Wetters zu ihrem Stress ansehen... Aber... kann sie das wirklich? Wenn jemand sie danach fragen würde, dann würde sie es niemals abstreiten. Sie sei nur müde, darum der geschaffte Ausdruck auf ihrem Gesicht. Aber nun habe sie ja Ferien, nun würde das alles wieder besser werden, sie würde sich erholen. Wie sehr sie sich auf die Ferien freue, würde sie sagen. Endlich frei... Ja, sie wird frei sein, für diese Zeit... endlich... aber mit dieser anstrengenden Zeit, die sie gerade in zögernden Schritten hinter sich lässt, endet auch eine märchenhafte Zeit... eine Zeit voller hoffnungslosen, manchmal verzweifelten, oft hilflosen und trostsuchenden Träumereien... Tagträumen... ... von einem Leben, das sie so niemals führen wird... ... ein Leben, das sie sich gemeinsam mit jemandem vorgestellt und ersehnt hat, den sie ebenfalls gerade zurücklässt... Sie hat dich vorhin noch kurz gesehen... Nur kurz, dir im Vorbeigehen einen verzweifelten, glühenden Blick zugeworfen... ein Blick, der nicht erwidert wurde... sie war ja gar nicht wahrgenommen worden... Nun wandern ihre Augen doch kurz hinauf, fixieren etwas glasig einen vorbeibrausenden Fahrradfahrer... fokussieren das dunkelblonde Haar des Fahrers... es ruft Erinnerungen hervor... Die unstillbare Sehnsucht danach, einmal dein helles, weiches Haar zu berühren... nur einmal! Die Arme um deinen zarten Körper schließen... nur einmal die Nase an deinem blassen, schmalen Hals vergraben... gehalten werden... von dir... Es wird nicht möglich sein... nie... du wirst nächstes Jahr nicht mehr da sein... wenn sie zurückkehren wird, wie so viele andere auch, dann wirst du gegangen sein... nie wieder wird sie in deine hellblauen Augen sehen können... ...nie wieder... Sie lässt mit diesen Schritten durch die schönen Straßen der Stadt ihre Liebe zurück... ihre Liebe zu einer Person, die sie nie hat lieben dürfen. Was heißt schon „dürfen“... verboten hat es ihr niemals jemand. Es wusste ja niemand davon. Aber... sie darf dich nicht lieben, weil sie sich damit nur selber weh tut... weil es hoffnungslos, verzweifelt ist... Gegen Liebe kann man nicht kämpfen... Sie liebt, wen sie liebt, auch wenn dies jemand ist, für den sie nur das ist, was sie sein soll und was richtig und normal ist. Doch du... du bist schon lange nicht mehr das für sie, was du sein solltest... es ist alles zu spät, sie kann nichts mehr aufhalten, nichts mehr ändern. Sie kann nur die Augen schließen und weitergehen... sie kann die Zeit nicht anhalten... sie muss gehen, nachhause... ...muss dich gehen lassen, aus ihren Gedanken... mit dem Wissen, dich niemals wieder zu sehen... sie muss alles um dich herum einfach abschließen, einfach von nun an nicht mehr daran denken... muss akzeptieren, dass es nicht weiter gehen wird, dass das Märchen beendet ist... Das traurige Märchen, ohne Hoffnung und vor allem ohne Happy End... Sollte sie nicht eigentlich froh darüber sein, dass ihr nun ohne ihr Zutun das genommen wird, was ihr Sorgen bereitete? Nein... denn sie will diese Sorge behalten... wenn sie ehrlich ist, will sie noch weitere Jahre diese Sorge haben... jeden Tag die stetige, mal dumpfe, mal glühend heiße Hoffnung auf einen längeren Blick von dir oder gar ein Lächeln? Ein sinnloses Hoffen, sinnloses Herzklopfen, wenn du ihr über den Weg läufst... ... und doch... ... lieber jeden Tag die Hoffnung, die Anspannung, die kurzzeitige Glückseligkeit, wenn du irgendwo in der Nähe bist... Lieber in dieser weltfremden, bittersüßen Traumwelt bleiben, als dich nie wieder zu sehen und womöglich zu vergessen... Eine Straße, die sie überquert, ohne sich groß umzusehen. Mühsame Schritte die Stufen hinauf in die kühle Wohnung. Der Weg ins eigene Zimmer.

I’ll miss you.

13.10.10 15:35, kommentieren

Ich bin gekommen, um Adieu zu sagen

Achtung! FSK 16 

Genre: Drama, Lime

Inspiration: Ein wunderschönes Lied der 17 Hippies.

------- 

Immer wieder huscht dein Blick zu mir, deine Augen sehen tief in meine, bohren sich förmlich in die meinen ein. Erst habe ich versucht, dir auszuweichen, doch es gelingt mir schon lange nicht mehr. Deine Augen haben eine zu fesselnde und bezaubernde Wirkung auf mich, als dass ich der Versuchung hätte widerstehen können, in ihnen zu versinken.

Warum siehst du mich so an? Was erwartest du von mir?

Unruhig stehe ich auf der Bühne, versuche mich auf mein Gitarrenspiel zu konzentrieren, obwohl dein Anblick doch so viel schöner ist.

Du stehst ganz hinten in dem kleinen Club. Ganz hinten, in einer düsteren Ecke, aber ich habe dich natürlich sofort entdeckt und erkannt. Auch die anderen deiner Band sind da. Irgendwo habe ich sie vorhin gesehen, doch nur du bist mir wichtig. Deine Hände sind tief in deinen Hosentaschen vergraben, ein Bein hast du nach hinten angewinkelt und lehnst an der Wand. Das Haar trägst du zu einem Zopf, du weißt, dass ich das mag… Deine Hose sitzt wie immer sehr tief und zwischen der breite Gürtelschnalle und deinem kurzen T-Shirt kann ich ein kleines Stück deiner hellen, weichen Haut hervor blitzen sehen.

Dein Blick ruht noch immer auf mir, wie vom Beginn der Show an.

Ich bin irritiert, weiß nicht, wie ich mich verhalten soll.

Auf der einen Seite muss ich mich wirklich auf meine Musik konzentrieren, schließlich will ich meine Band nicht enttäuschen… aber deine Augen sind so wunderschön, so faszinierend, dass ich immer wieder zu dir sehen muss, um ihren Anblick zu genießen.

Unser Publikum klatscht und grölt bei jedem Song, sie tanzen, lachen, haben Spaß…

Doch du stehst unbeweglich da, zeigst keine Regung, applaudierst nicht.

Du wirkst nach außen hin kalt und unantastbar. So kenn ich dich nicht. Bist du inzwischen auch innerlich so? Damals warst du anders, du warst fröhlich, herzlich, aufgeschlossen und zärtlich.

Dein Anblick macht mich traurig, weißt du das?

Ich vermisse dich.

 

Das Konzert ist zu Ende.

Ich bin froh darüber, es war mehr eine Qual, als ein Genuss für mich gewesen.

Ich werfe dir einen letzten Blick zu, dann verschwinde ich von der Bühne.

Ohne große Worte zu meinen Bandkollegen verschwinde ich unter der Dusche und versuche mich ein bisschen zu entspannen.

Es fällt mir sehr schwer, du gehst einfach nicht aus meinen Gedanken.

Ich habe Angst, wieder rauszugehen, womöglich auf dich zu treffen, mit dir reden zu müssen…

Und doch ist es das, wonach ich mich am meisten sehne.

Lange bleibe ich unter der Dusche, lasse das inzwischen kühle Wasser auf meinen erhitzten Körper prasseln und versuche, nicht an dich zu denken.

»Wirst du mal wieder fertig? «, fragt mich der Drumer meiner Band nach einer Weile.

Ich seufze nur und drehe das Wasser aus.

»Ich geh jetzt auch, ja? Gibst du den Schlüssel dann bitte noch ab? «, fragt er und wirft mir einen kleinen Schlüssel zu.

Ich schaffe es nicht, ihn zu fangen und er landet in einer Ecke des Raumes. Ich darf ihn nachher nicht vergessen!

»Ja, mach ich«, antworte ich leise.

»Okay, tschau«, verabschiedet mein Bandkollege sich und verlässt den Raum.

Nun bin ich allein und fange langsam an, mich anzuziehen.

Der Stoff der Kleidung kratzt unangenehm auf meiner Haut, ich zittere und fühle mich schwach.

Vor meinem inneren Auge sehe ich immer noch dich, wie du da hinten an der Wand gelehnt hast, wie du zu mir geschaut hast, die ganze Zeit…

Jetzt werde ich gleich daraus gehen müssen. Ich hoffe, du bist nicht mehr da.

Doch, du sollst noch da sein… ich will dich noch einmal sehen, noch ein einziges Mal!

Warum bist du eigentlich hier? Bist du nur für mich hier her gekommen? Sicher nicht.

Ich versuche gerade mein Haar zu ordnen, als ich im Spiegel sehe, wie die Tür hinter mir aufgeht.

Stumm lasse ich meine Hand sinken und sehe dich durch den Spiegel an.

Zögerlich betrittst du den Raum und schließt leise die Tür hinter dir.

Deine Härte und Selbstsicherheit von vorhin scheint von dir abgefallen zu sein.

Plötzlich wirkst du wieder, wie manchmal auch früher schon, zerbrechlich, ängstlich und angreifbar.

Einen Moment lang sehen wir uns durch den Spiegel in die Augen.

So wie den ganzen Abend schon.

Du blinzelst, deine Lippen beben.

Ich drehe mich zu dir um und gehe zielstrebig auf dich zu.

Dankbar hebst du die Hände und legst sie um meinen Hals, als ich meine Arme um deinen dünnen Körper lege und dich an mich ziehe.

Dein Gesicht presst du in meine Halsbeuge, ich spüre deine Lippen auf meiner Haut.

Ich denke nicht nach, halte dich einfach nur fest, genieße deine Nähe… ein letztes Mal…

Ich weiß, warum du gekommen bist, ich weiß es ganz genau, doch ich will es nicht hören. Sanft streiche ich mit der Hand über deinen Rücken, ertaste deine zarte Haut unter meinen Fingern, da dein Shirt noch weiter hochgerutscht ist. Eine kleine Gänsehaut breitet sich auf deinem Rücken aus, als meine vom Duschen noch kalte Finger auf deine Haut treffen. Du drückst dich noch enger an mich, während ich dich streichle, dich berühre… Meine Händen wandern unter deinem Shirt weiter nach oben, eine lasse ich nach vorne zu deinem flachen Bauch gleiten… du schauderst etwas, doch es scheint dir zu gefallen, was ich mache.

Du hebst den Kopf und siehst mir, wie schon so oft heute, tief in die Augen.

Du öffnest den Mund um etwas zu sagen, doch ich schüttle rasch den Kopf und um zu verhindern, dass du etwas sagst und diesen magischen Moment, den ich jetzt genießen will, zerstörst, küsse ich dich.

Du seufzt auf und lehnst dich mir entgegen, der Druck deiner Hände in meinem Nacken nimmt zu und deine süßen Lippen öffnen sich ein Stück, damit deine Zunge durch sie hindurch und über meine Lippen gleiten kann.

Unruhig fahren meine Hände über deine nackte Haut, krallen sich an deiner Hüfte fest, als du immer leidenschaftlicher wirst. Hör nicht auf, bitte! Nie wieder, ich will dich nicht mehr loslassen, dieser Moment soll ewig andauern!

Ich lasse mich nach hinten auf ein kleines Sofa fallen, ziehe dich mit mir, sodass du auf mir zum liegen kommst. Unseren innigen Kuss  haben wir noch immer nicht gelöst.

Deine Hände hast du inzwischen in meine Haare gekrallt, meine ruhen mit wachsendem Druck auf deinem Rücken.

Doch plötzlich löst du deine Lippen von meinem, siehst mich an, mit leicht verschleiertem aber doch ernstem und bedeutungsvollem Blick.

Diesmal kann ich dich nicht vom Sprechen zurückhalten.

»Ich bin gekommen, um Adieu zu sagen…«, flüsterst du traurig.

»Wie meinst du das? «, frage ich zittrig.

Doch ich weiß genau, wie du es meinst.

»Die andern sind schon vor gegangen, sie warten auf mich…«, sagst du.

Ich schlucke schwer.

Mit der Hand streiche ich langsam über deine etwas gerötete Wange. Du schließt die Augen und schmiegst dein Gesicht in meine Hand.

»Bleib noch«, bitte ich dich leise, »Nur diese Nacht. «

Du hältst die Augen geschlossen und hauchst: »Du verführst mich… ich kann dir nicht widerstehen…« Wieder vergräbst du dein Gesicht an meinem Hals, ich spüre, wie du tief ein und ausatmest.

Auch ich habe die Augen geschlossen, atme ruhig und drücke dich so eng an mich, wie möglich.

Nachher wirst du gehen, wann werde ich dich dann wiedersehen?

Ich muss diesen Moment genießen, mir genauestens einprägen, die Erinnerung an dich behalten…

Ich will dich spüren, dich berühren, ich will dir so nah sein, wie es nur geht. Niemand soll dich so spüren, wie ich jetzt, in dieser Nacht…

Schwach liegst du in meinen Armen, wehrst dich nicht, als ich dir dein Shirt über den Kopf ziehe. Als ich beginne, deinen Oberkörper mit kleinen Küssen zu verwöhnen, seufzt du genüsslich auf und flüsterst meinen Namen.

Plötzlich flackert das Licht im Raum und erlischt schließlich.

Im Halbdunkeln sehen wir uns etwas verwundert an, doch dann legst du eine Hand in meinen Nacken, ziehst mich zu dir und küsst mich liebevoll. Dabei gleitest du mit den Händen unter meinen Pullover und jagst mir einen Schauer über den Rücken, als du mich streichelst. Deine Lippen lassen von den meinen ab, setzen ihre zärtliche Tätigkeit aber sofort auf meinem Hals fort.

Mein Atem beschleunigt sich, als du mein Oberteil ausziehst und deine Küsse auf meiner Brust fortführst.

Ich ziehe dich wieder zu mir hoch, um deine Lippen erneut mit meinen zu verschließen.

Engumschlungen liegen wir da, schmiegen uns einander, versuchen uns möglichst überall zu berühren, den anderen vollständig zu spüren…

Du lässt von mir ab und streichelst durch mein Haar. Dein Blick folgt deinen Fingern, wie sie mit einzelnen Haarsträhnen von mir spielen.

»Weißt du noch«, beginnst du leise, »als wir uns an diesem warmen Abend am See getroffen haben…«

»Ja«, hauche ich, »natürlich weiß ich das noch… ich könnte es nie vergessen! «

»Sonnenuntergang«, sagst du nur.

Ein Lächeln liegt auf deinen wunderschönen Lippen und es steckt mich an.

»Du lagst in meinen Armen…«, sage ich, »Das warme Licht der untergehenden Sonne schimmerte auf deiner Haut…«

Mit Tränen in den Augen siehst du mich an.

»Wir haben nicht geredet…«, flüsterst du.

Ich schüttle ganz leicht den Kopf.

»Ganz ruhig lagen wir da, es gab nur uns, nur unsere Nähe…«, fahre ich mit erstickter Stimme fort.

Eine kleine Träne rinnt aus deinen Augen, über deinen Nasenrücken und tropft dann auf meine Wange.

Du beugst dich rasch hinab und küsst sie weg.

»Das war unsere Nacht… nur für uns…«, wisperst du gegen meine Wange.

»Genau wie diese Nacht jetzt«, flüstere ich zurück und küsse deine geschlossenen Augen.

Du nickst kaum merklich.

Unsere Lippen finden sich wieder, pressen sich fest aufeinander, ich streife dir deine engen Hosen von den Beinen…

Deine Küsse wandern meinen Hals hinab, ich habe das Gefühl, jeder Fleck, jeder kleinste Punkt meiner Haut würde unter deinen Berührungen brennen, glühen…

Fahrig streichen meine Hände über deinen Rücken, wandern unter dein dünnes Shirt, streicheln auch deine unendlich weiche Haut. Sehnsüchtig flüsterst du meinen Namen und richtest dich ein Stück auf, damit ich dir auch dein Oberteil ausziehen kann. Einen Moment halte ich es in meinen Händen, drücke mein Gesicht hinein und atme tief deinen betörenden Geruch ein. Du schluchzt leise, ziehst mir das Stück Stoff aus der Hand, um an meine Lippen zu gelangen. Du sollst niemals aufhören, mich zu küssen, niemals! Ich streiche immer wieder über deinen nackten Körper, meine Finger tanzen über deine Haut, bekommen nicht genug davon, dich zu fühlen.

Du beginnst, auch mich auszuziehen, schließlich liegen wir nackt und eng umschlungen da, bebend vor Leidenschaft und Sehnsucht nacheinander. Immer wieder erzittere ich, wenn wir uns an den empfindlichsten Stellen berühren, ein Schauer der Lust nach dem anderen überfällt mich, vertreibt den letzten Rest vernünftigen Denkens aus meinem Kopf.

Tief siehst du mir in die Augen, als unsere Körper zueinander finden, wir uns vereinen, uns so nah kommen, wie es nur geht. Ich spüre keinen Schmerz mehr in diesem Moment, weder körperlich noch seelisch… ich lebe nur diesen Moment, diese kostbaren Sekunden der unbeschreiblichen Lust, des Gefühle, wie du dich in meinem Körper verlierst, wie du mich liebst und dich mir hingibst.

Geschmeidig bewegst du dich auf mir, bist tief in mir und flüsterst immer wieder aufs äußerste erregt meinen Namen.

Wie schön du aussiehst, wenn du so losgelassen bist, so erregt und so hingebungsvoll und leidenschaftlich. Dein Stöhnen hallt in meinen Ohren wider, es lässt mich erschauern, ist das schönste Geräusch, das ich mir vorstellen kann.

Deine Hände streicheln mich, fassen mich an und treiben mich noch weiter auf den Abgrund zu…  einen Abgrund, den ich nicht sehen will, den ich noch nicht hinabstürzten will, weil dann alles zu Ende wäre… Ich will, dass es nie aufhört, dass wir für immer so vereinigt  bleiben können, für immer zusammen… es soll nicht zu Ende gehen…

Doch die Zeit kann man nicht anhalten, genauso wenig, wie ich dich in meinen Armen halten kann.

Gleichzeitig überkommt uns der Höhepunkt, gemeinsam stürzen wir in diesen Abgrund, erleben gemeinsam diesen berauschenden Fall… Ich erzittere unter dem Zusammenziehen meiner Muskeln und dem Ausstoß der unendlich vielen Glückshormone und des Adrenalins in meinem ganzen Körper und auch du bäumst dich mit einem leisen Schrei auf.

 

Nun liegst du in meinen Armen, lächelst mich glücklich an, hauchst mir einen letzten Kuss auf die Lippen.

»Adieu«, flüsterst du und kuschelst dich dann an mich.

Bald höre ich deinen regelmäßigen Atem und auch mir fallen die Augen zu.

Ich bin zu erschöpft um wachzubleiben… es ist gut so, dass ich in den Schlaf falle, bevor ich wieder anfange zu denken und so nur unsere traumhafte Nacht in Erinnerung habe… ich träume von deinen Augen, von deinen Lippen, höre deine Stimme, fühle deine Berührungen …

 

Ich erwache durch den Sonnenschein, der durch das kleine Fenster im Zimmer hereinfällt und meine Nasenspitze kitzelt.

Ich hebe den Kopf.

Jemand hat mich sorgfältig mit einer Stoffdecke zugedeckt, meine Kleidung liegt ordentlich zusammengelegt neben mir auf dem Tisch, der Türschlüssel liegt daneben.

Doch ich bin allein.

Ich lasse mich zurücksinken, schließe die Augen und rufe mir die Ereignisse der letzten Nacht in Erinnerung.

Du bist tatsächlich gegangen, hast mir diese Nacht geschenkt, zum Abschied.

Es war unsere Nacht, unser Zusammensein, unsere Leidenschaft und Liebe…

Warum hast du nur so einen schönen Körper, warum kannst du so zärtlich sein, so liebevoll, so verführerisch?

Wieso bin ich dir nur so verfallen? Wie soll ich weiterleben, ohne dich?

Ich liebe dich.

Ich liebe deine Brührungen, deine Küsse, dich so nah zu spüren, zu wissen, dass du für diesen Moment mein gewesen warst, zu sehen, wie du dich mir hingabst, wie du dich fallen ließt, wie du mich liebtest…

Ab jetzt werde ich ohne dich leben, ich bin allein… doch dein Duft bleibt in der Luft zurück, bei mir, ich habe Erinnerungen an dich, die sonst keiner hat, ich spüre dich noch immer, als wärst du hier…

 

 

 

13.10.10 15:24, kommentieren

Unter diesen Sternen

Genre: Drama

 

Inspiration: ein Lied von Uniklubi 

Unter diesen Sternen sitze ich und warte auf dich.

Oder bist du es, der auf mich wartet?

Schaust du zu mir, jetzt in diesem Moment? Denkst du an mich, genauso, wie ich jetzt an dich denke? Jetzt und auch meine restliche Zeit lang… ich denke immer an dich.

Wenn ich schlafe, stehst du vor mir, lächelst mich an. Stehst einfach nur da und lächelst. Der ganze Traum besteht für mich aus diesem Bild.

Du stehst direkt vor mir, doch ich kann dich nicht berühren, kann dich nicht erreichen, so sehr ich mich auch bemühe.

Und dann wache ich weinend auf, habe die Hände nach oben ausgestreckt… zu dir…

Doch ich kann dich nicht erreichen, du bist zu weit weg.

Dann drehe ich mich auf die Seite und sehe aus dem Fenster hinaus, in den Sternenhimmel.

Siehst du mich manchmal, wie ich zu dir hinauf schaue? Kannst du meine Hände sehen, die ich nach dir ausstrecke? Warum ergreifst du sie nicht, holst mich nicht zu dir?

Ich will bei dir sein, ich komme hier nicht mehr ohne dich klar.

Ich vermisse dich so sehr!

Warum bist du gegangen und ein Stern geworden? Warum nur?

Warum du? Warum muss ich jetzt hier unten allein sein und tausende von Tränen um dich vergießen?

Ich kann nicht mehr normal leben, es funktioniert einfach nicht mehr.

Ich habe verlernt, morgens aufzustehen, habe vergessen, wozu man etwas isst und trinkt, weiß nicht mehr, wie das mit dem Lächeln funktioniert.

Das alles konnte ich nur mit dir zusammen.

Jetzt liege ich hier, im Dunkeln, beobachte dich durch mein Fenster.

Ich habe das Bett umgestellt. Es steht jetzt direkt unter dem Fenster, sodass ich immer zu dir hinauf sehen kann, wenn mich die Sehnsucht wieder einmal übermannt hat und ich nur noch weinend daliegen und an dich denken kann.

Ich hasse es, wenn die Sonne aufgeht.

Denn sie vertreibt dich. Dann bist du nicht mehr zu sehen, wenn der Himmel blau ist.

Tagsüber ziehe ich die Vorhänge zu, versuche, zu schlafen.

Erst wenn es dunkel wird, wage ich es wieder, hinauszuschauen. Da bist du wieder, siehst zu mir hinab, lächelst mich an?

Willst du mir Mut machen? Wofür denn? Was soll ich denn noch schaffen?

Ich schaff es doch kaum noch, aus dem Bett zu steigen!

Ich schau nur immer zu dir hinauf, während ich warte.

Ich warte auf dich, dass du mich zu dir holst. Doch du kommst nicht, du bleibst da in der Ferne und lässt mich hier allein.

Siehst du nicht, dass ich es nicht allein schaffe, dir zu folgen? Dafür bin ich viel zu schwach…

Etwas Warmes, Weiches stupst gegen meinen Arm.

Zittrig wandert meine Hand über das samtige Fell von meiner Katze.

Sie sieht mich mit großen bernsteinfarbenen Augen an.

Kannst du dich erinnern, als wir sie gefunden haben? Als sie allein und verloren als kleines Katzenbaby, mutterlos am Straßenrand gelegen hatte?

Wie wir sie aufgepäppelt haben, ihr ein Zuhause gegeben haben. Sie hat das Haus nie wieder verlassen, denn sie fürchtet sich vor den Menschen.

Weißt du, ich glaube sie ist der Grund dafür, dass ich dir nicht folgen kann.

Sie braucht mich doch, wer würde ihr sonst jeden Tag etwas zu Essen hinstellen?

Es ist das einzige, was mich noch aus dem Bett bewegt: den kleinen pinken Futternapf, den du ihr mal zu Weihnachten gekauft hast, zu füllen, damit sie nicht verhungert.

Wenn sie aufgefressen hat, kommt sie zu mir und wir liegen zusammen da und schauen zu dir hinauf.

Ich glaube, sie vermisst dich auch. Auch wenn du sie so oft angeschrien hast, wenn sie ihre Haare auf deiner wertvollen Kleidung zurückgelassen hat.

Sie hat dich auch geliebt und ich denke, sie tut es immer noch. Genauso, wie ich.

Ich liebe dich so sehr.

Wir werden wir dir beide folgen.

Irgendwann werden wir zu dir kommen. Zur gleichen Zeit.

Wenn ich mich zuerst auf den Weg zu dir mache, wird sie mir folgen müssen.

Und wenn sie zuerst geht, werde ich ihr sofort nachgehen, denn dann hält mich hier nichts mehr.

Sie ist meine letzte Hoffnung.

Eine Hoffnung, die mich bis zu dem Tag, an dem wir wieder zusammen sein werden, am Leben hält.

Die mich dazu zwingt, zu leben.

Ich verbringe meine Zeit unter diesen Sternen und weiß, dass unsere Liebe uns schlussendlich wieder zusammenführen wird. Sie ist die heißeste Lava, die uns trägt und selbst das kälteste Eisen zum glühen bringt.

Denn wir gehören zusammen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir das wieder sind.

Solange sehe ich durch dieses Fenster zu dir hinauf, weiß, dass du ebenfalls zu mir siehst, dass auch du weißt, dass ich zu dir kommen werde, dass du nicht weinst. Weil du stark bist und weißt, dass ich noch leben muss.

Und dann, wenn ich damit fertig bin, sehen wir uns wieder…

Dann sind wir beide Sterne…

13.10.10 15:15, kommentieren

Your name burn marked deep down in my soul

Genre: Drama

Die Geschichte entstand im Zuge eines FanFiction-Contest. Als Vorlage galt der Text eines Songs der finnischen Band Negative. Die englischen Zeilen stammen also nicht von mir, sondern von Negative.

Your name burn marked deep down in my soul
 
»Wieso friert man eigentlich, wenn man müde ist?«, frage ich gedämpft und schlinge vor dem Spiegel im Schlafzimmer stehend die Arme um meinen Körper.
 
»Du frierst doch ständig«, antwortet Johannes grinsend und tritt hinter mich. "Du bist viel zu dünn und hast kein Fett, das die Kälte von dir fern halten könnte."
Er legt kurz die Arme um meinen nackten Oberkörper und drückt einen Kuss auf meine Wange.
 
»Na toll…«, antworte ich grummelnd und greife mir ein T-Shirt, das ich über meinen zitternden Körper ziehe.
 
Johannes hat Recht… ich bin dünn. Ich bin furchtbar dünn, aber es fällt mir schwer, dagegen etwas zu unternehmen. In letzter Zeit bin ich so appetitlos, ich vergess es so oft einfach, etwas zu essen. Das zahlt sich aus…
 
»Wenn ich dich an die Haltestelle bringen soll, musst du dich beeilen, mein Süßer«, höre ich Johannes aus der Küche rufen.
 
Ich runzle die Stirn. Seit wann bin ich eigentlich sein Süßer? Er denkt sich immer wieder neue Kosenamen für mich aus, vermutlich um mich aufzuheitern.
 
Seufzend gehe ich zu ihm in die Küche. Dort steht der große, hagere Kerl fröhlich am Tisch und packt sein Frühstück ein. Er hat es wirklich nicht leicht mit mir, aber er gibt sich so viel Mühe, mich nicht mit meinen Gedanken allein zu lassen.
 
»Ich hab noch ein Brötchen für dich«, sagt er und zeigt auf das Brettchen auf dem Tisch, auf welchem ein aufgeschnittenes Brötchen liegt. Daneben steht ein Glas Erdbeermarmelade.
 
Lustlos lasse ich mich auf den Stuhl sinken und schmiere etwas von der roten, klebrigen Masse auf das Stück Brot.
 
»Das ist deine Lieblingsmarmelade und ein frisches Brötchen, also du kannst dich nicht beschweren, dass es dir nicht schmeckt!«, sagt Johannes anklagend und hebt warnend die Augenbrauen.
 
»Schon gut… hab ich denn was gesagt?«, frage ich dagegen.
 
»Nein, aber ich hab doch gesehen, wie du geschaut hast«, antwortet Johann mit einem unterdrückten Seufzen.
 
Ich sage nichts. Aber ich weiß, was er meint. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal entspannt und fröhlich geschaut habe. Ich bin lustlos, für nichts zu begeistern und wenn ich mal was sage, dann ist es meistens irgendeine Kritik oder eine überflüssige, gelangweilte Bemerkung.
 
»Es tut mir Leid«, flüstere ich nun doch, »Sag mir das in Zukunft ruhig, wenn ich wieder besonders unausstehlich bin, ich will das abstellen…«
 
Johannes sieht mich nachdenklich an.
»Theo… du bist nicht unausstehlich. Ich hab dich gern, so wie du bist…. das weißt du…«
 
»Ja, aber ich weiß auch, dass ich dir auch oft genug auf den Geist gehe«, unterbreche ich ihn ungehalten, »Dass ich ständig so unmotiviert bin und eigentlich alle anmotze, die mir über den Weg laufen…«
 
Johannes schmunzelt. »Wenn du das weißt, dass es so ist, wieso unternimmst du dann nichts dagegen?«, fragt er leise und mit wachsamem Blick.
 
Ich antworte nicht sofort, sondern lehne mich kauend in meinem Stuhl zurück. »Weil es verdammt schwer ist, so zu tun, als wäre man gut gelaunt und glücklich, wenn man es nicht ist.«
 
Johannes umrundet den Tisch und hockt sich vor meinem Stuhl auf den Boden.
»Deswegen sage ich ja, dass ich dich so mag, wie du bist. Du bist vielleicht unfreundlich, aber ich weiß, warum du das bist. Und es ist mir lieber, wenn du deine ehrlichen Gefühle zeigst, als wenn du ständig eine Maske aufsetzt aber dafür fröhlich bist.« Er lächelt.
 
Ich atme tief durch. »Ich weiß schon, warum ich bei dir eingezogen bin«, wispere ich schließlich und beiße dann von meiner zweiten Brötchenhälfte ab.
 
»Ich lebe gerne mit dir zusammen, Theo«, nickt Johannes, erhebt sich wieder und stellt die Spülmaschine an.
 
»Kann ich mir zwar nicht vorstellen, aber…«
 
Johannes unterbricht mich mit einem strengen Blick und ich esse achselzuckend aber stumm mein Brötchen auf.
 
Johannes ist drei Jahre älter als ich und studiert Latein auf Lehramt. Es ist mir völlig fremd, wie man so etwas wie Latein studieren kann, aber es ist faszinierend, ihm zuzuhören, wenn er von dieser seltsamen Sprache erzählt, die sich mir völlig verschlossen hält.
Ich studiere nicht. Das hatte ich nie vor, obwohl ich ein ziemlich gutes Abitur in der Tasche habe. Aber ich habe meinen Traumberuf gefunden, für den ich nicht studieren muss, darum hab ich mir den Stress gar nicht erst angetan. Geigenbauer zu sein, war mein Traum, seit ich als kleiner Junge einmal dabei sein durfte, als mein Vater gerade eine kleine Geige für ein Kind baute, das damals so alt war wie ich… also ungefähr fünf Jahre. Es faszinierte mich unheimlich, solche feingeformten Holzkörper herzustellen, aus denen später einmal so wunderschöne Töne gelockt werden konnten.
Schon in meiner Jugendzeit hatte ich die Grundlagen für das Bauen von Streichinstrumenten gelernt und so machte ich direkt nach dem Abitur meine Ausbildung und arbeite seitdem mit meinem Vater zusammen in dessen Atelier. Das sind jetzt schon glatte drei Jahre…
 
Drei Jahre… sie sind unheimlich schnell vergangen… und wenn ich jetzt an sie zurückdenke, empfinde ich sie zwar als schön, aber eigentlich auch als farblos…
 

Years go by, they’re fading away…

 
… Sie verschwimmen zu einer großen Masse aus welcher aller höchstens Johannes‘ gutmütiges Gesicht heraussticht.
 
Johannes und ich hatten uns bei der Fahrschule kennen gelernt. Wir hatten uns ziemlich gut verstanden und Johannes wurde schließlich zu dem ersten Menschen, mit dem ich über mein größtes Geheimnis sprach…
 

... über dich….

 
»Wo bist du denn schon wieder mit deinen Gedanken?«, fragt Johannes und knufft liebevoll in meine Seite, während wir gemeinsam zur Bushaltestelle schlendern.
 
»Weit weg…«, antworte ich müde. »Mir ist kalt.«
 
Johannes schnaubt und legt einen Arm um meine Schultern. Fest drückt er mich an sich und ich spüre ein Ziehen in meiner Brust.
Schweigend gehen wir weiter, bis wir das gelbe Haltestellenschild erreicht haben.
 
»Na dann, Süßer«, lächelt Johannes mich an, »Wünsch ich dir einen schönen Tag.«
 
Ich nicke. »Dir auch.«
 
Einen Moment lang sehen wir uns schweigend an, dann beugt er sich vor, haucht mir einen Kuss auf die Stirn und geht dann hinüber zu der anderen Haltestelleninsel, wo seine Bahn fährt.
 
Johannes und ich führen eine etwas seltsame Beziehung… wirklich als ein Paar bezeichnen wir uns nicht. Wir sind beide schwul und leben zusammen, jedoch eher so WG-mäßig. Manchmal schleiche ich mich aber nachts in sein Zimmer, wenn ich nicht schlafen kann und dann sind wir uns oft auch körperlich sehr nahe. Dennoch… wir sind nicht verliebt. Nicht ineinander. Ich könnte ihn nie so lieben, wie man einen Partner liebt… so, wie ich dich geliebt habe und es noch immer tue….
 

You are the chosen one…

 
Niemals werde ich wieder jemanden so lieben können, wie dich. Darum gibt es für mich auch keine andere Möglichkeit, als dass du eines Tages doch wieder kommst. Dass wir eines Tages doch wieder zusammen sein werden. Denn andernfalls wüsste ich nicht, wie ich jemals wieder ehrlich glücklich werden soll.
 
Als ich vor dem Atelier meines Vaters ankomme, fällt mir auf, dass ich mal wieder viel zu früh dran bin. Das ist auch so eine Eigenschaft von mir, die ich einfach nicht abstellen kann: völlig sinnlos viel zu früh da zu sein. Schon früher in der Schule war ich mindestens fünfundvierzig Minuten vor Schulbeginn da und war begeistert durch die stillen und leeren Flure der Schule gelaufen, die später von Schülern bevölkert sein würden.
 
Jetzt habe ich noch eine Stunde Zeit, bevor wir offiziell öffnen. Natürlich könnte ich jetzt schon hineingehen und mich mit meinem Cello beschäftigen, das seit ein paar Wochen mein Auftrag ist, aber… mir kommt plötzlich eine bessere Idee.
 
Rasch schließe ich die Tür auf, stelle meine Tasche ab, verlasse das Gebäude dann aber wieder. Meine Schritte führen mich in den angrenzenden Wald, zirka zehn Minuten zu Fuß. Durch die dichten Baumkronen ist es hier ziemlich düster und ich beginne erneut, zu frieren. Mit zusammengebissenen Zähnen ziehe ich meine Jacke fester um meinen schmalen Körper und eile den Pfad entlang, der durch die Bäume führt. Mein Ziel kenne ich genau. Als Kind war ich mit meiner Großmutter hier Pilze suchen. Sie starb, als ich elf Jahre alt war und danach war ich einige Jahre noch allein im Herbst hierhergekommen und hatte Pilze gesucht. Aber irgendwann hatte es mich nicht mehr interessiert und ich war lange Zeit nicht im Wald. Erst, als ich dich kennen lernte, trieb es mich wieder öfter hinaus in die Natur… hier her in den Wald… auf die kleine Lichtung, die ich soeben erreiche…
 
… Wir lernten uns in der Musikschule kennen. Ich hatte in der zweiten Etage Bratschen-Unterricht. Als ich in der zwölften Klasse war, begann deine Freundin ebenfalls, Viola zu spielen. In derselben Musikschule… in derselben Etage… Dieses Jahr hatte ich erst ziemlich spät abends Unterricht… deine Freundin hatte die Stunde vor mir… und du wartetest jedes Mal draußen in dem kleinen Vorraum auf sie… und ich war immer zu früh da…
Erst hatten wir uns nicht einmal »Hallo« gesagt. Du hattest in der einen Ecke des Raumes gesessen, ich in der anderen. Wir hatten geschwiegen. Deine Freundin hatte fröhlich »Tschüss« zu mir gesagt, wenn ihr gegangen wart. Aber du nicht.
Dann warst du einmal in mich hineingelaufen, als du auf die Toilette gehen wolltest und ich gerade herauskam. Wir hatten im Chor auf gekeucht und uns dann angegrinst.
»Du hast ne harte Birne«, hattest du gesagt, als du wieder kamst.

Ich hatte dich angesehen und hatte nur gedacht ›und du hast wunderschöne Augen.‹ Farblich eigentlich nicht so spannend… so ein grün-braun, dem meinen sehr ähnlich. Aber die Form deiner Augen, die langen, dunklen Wimpern… die Wärme, die aus deinen Augen sprach…

 
Ich bleibe stehen, weil mir die Erinnerung an deine Augen kurzzeitig den Atem raubt. Gleichzeitig spüre ich einen nahezu unerträglichen Schmerz in meiner linken Brusthälfte.
 

Don’t you see how my wounds bleed they won’t heal…

 
Die Erinnerung an dich lähmt mich wirklich körperlich. Sie schmerzt so sehr, dass ich mich manchmal einfach nur ganz klein zusammenrollen will, bis der Schmerz endlich vorrübergeht.
 
... Seit diesem Tag begrüßten wir uns, wenn ich den Raum betrat. Mehr sprachen wir aber nicht. Das einzige, was wir immer öfter austauschten, waren Blicke. Verhalten… schüchtern… bemüht heimlich… aber der andere hatte es ja doch immer bemerkt und just in der Sekunde ebenfalls den Kopf gehoben, sodass wir uns immer wieder ansahen… immer wieder… viel zu oft…
Du hattest irgendwann angefangen, dich in meinem Kopf einzunisten und einfach nicht mehr verschwinden zu wollen. Ich konnte an nichts anderes denken, als an dich, dabei wusste ich nicht einmal, wie du heißt. Eines Tages fragtest du mich nach meinem Namen und so tat ich es dir gleich. Noah.
Und du bist genauso alt, wie ich. An diesem Tag wechselten wir ein paar Worte über unsere Interessen. Du magst Rock’N’Roll… liebst es, E-Gitarre zu spielen… Ich war froh, dass du auch ein Musiker bist. Dann stelltest du mir deine Freundin vor. Teresa. Sie lächelte mich freundlich an, sie war hübsch. Aber ich konnte sie nicht leiden… es bereitete mir Ekel, wenn sie deine Hand nahm…
Meine Gefühle bereiteten mir Kopfzerbrechen, ich wusste nicht, mit wem ich darüber reden sollte und ließ es darum ganz bleiben. Ich zog mich lieber zurück, strich stundenlang allein durch die Straßen und auch durch den Wald. Versuchte, mir darüber klar zu werden, was ich für dich fühlte…

Und dann suchtest du dir ausgerechnet diese Lichtung hier aus, um bei strömendem Regen von deinem Fahrrad zu stürzen, als ich während meiner einsam Waldspaziergänge dort ankam.

 
Die Wurzeln, an denen dein Rad wohl hängen geblieben war, sind immer noch da und ich lasse mich auf einen großen Stein nieder, der neben ihnen steht. Vor meinem inneren Auge sehe ich uns… dein Rad, das mit sich noch drehendem Reifen auf dem Boden liegt… du, der erschrocken daneben zum Liegen gekommen ist… und ich, der geschockt zu dir läuft, sich über dich beugt und besorgt fragt, wie es dir geht… und natürlich der eiskalte Regen… den spüre ich jetzt sogar noch auf meiner Haut.
Ich kneife die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen und kann sehen, wie sich der dunkelhaarige Junge aufrappelt. »Mit geht’s gut«, murmelt er und wischt sich den Schlamm von den Händen. Der andere … mit dem helleren Haar, das durch den Regen aber ebenfalls dunkel erscheint… ich… er sieht ihm dabei zu. Nun stehen sie sich gegenüber, klitschnass und zitternd… Und plötzlich… es geht so schnell…
 
Fast spüre ich deine Lippen noch auf den meinen. Kann noch fühlen, wie du deine Finger in meine Oberarme krallst und mich an dich ziehst.
 

... Da hatten wir gestanden… und hatten uns geküsst… erst sanft… erst vorsichtig. Wir hatten viel zu große Angst davor, waren beide nicht darauf vorbereitet. Aber dann spürten wir gleichzeitig, dass es einfach richtig war, dass wir das beide so sehr wollten… dass wir zusammengehörten…

 

Like blood on blood…

 
... Seit diesem Tag hatten wir uns in der Musikschule jedes Mal angelächelt, wenn ich herein kam. Plötzlich kam das »Hallo« nicht mehr über unsere Lippen, aber dafür ein liebevolles Lächeln. Ich setzte mich nicht mehr auf den Stuhl, der am weitesten von dir entfernt stand, sondern auf den direkt neben dich. Du nahmst meine Hand. Einmal gingen wir zusammen auf die Toilette, schlossen uns in der Kabine ein und küssten uns so lange, bis Teresas Unterricht zu Ende war und du gehen musstest. In der nächsten Zeit trafen wir uns immer wieder in der Kabine… verbrachten an diesem ungemütlichen Ort die fünfundvierzig Minuten… Enganeinander geschmiegt… wisperten uns leise kleine Geschichten zu… unsere Träume von unserer gemeinsame Zeit später… wie wir gemeinsam leben und für immer zusammen sein würden…
Manchmal, wenn das Wetter mitmachte, trafen wir uns im Wald auf der Lichtung… lagen einfach nur beieinander, spendeten einander Nähe und Geborgenheit… Es war alles wie ein Traum und ich war so unendlich glücklich. Wie weh es tat, niemandem von meinem Glück erzählen zu können. Du wolltest das Ganze nämlich geheim halten… wolltest nicht, das andere davon erfuhren, dass wir uns liebten.
Du nahmst ja doch immer wieder Teresas Hand, wenn sie vom Bratschen-Unterricht kam… zu mir sagtest du nur ein gefühlloses »Tschüss«, wenn ihr gingt… wenn Teresa dabei war, schienst du mich plötzlich nicht mehr zu kennen…
Teresa. Sie war unser Hindernis. Sie war das, was uns voneinander fernhielt. Du wolltest keine Beziehung mit mir… keine öffentliche. Ich konnte es nicht verstehen…
»Wenn du mich liebst, wieso bist du dann lieber mit Teresa zusammen?«, hatte ich dich verzweifelt gefragt.
»Theo«, hattest du gewispert und mich traurig angesehen, »Lass mir etwas Zeit. Ich muss mit Teresa reden… und mir selber darüber klar werden, was ich will. Lass es uns vorerst geheim halten…«
Mein Blick muss so traurig gewesen sein, denn du hattest mich fest an dich gezogen.
»Theo«, hattest du geflüstert, »Du spürst es doch auch, oder? Wir gehören zusammen und das werden wir auch sein. Wir halten zusammen, uns wird niemand auseinanderreißen können. Niemals.«

Das hattest du gesagt. Nicht nur einmal. Immer wieder, wen n wir uns in der Toilettenkabine versteckt oder uns auf der Waldlichtung getroffen hatten und ich zu zweifeln begonnen hatte, ob wir das Ganze noch lange so geheim durchhalten würden… immer wieder hattest du mir versichert, dass wir zusammen sein würden und uns nichts trennen könnte.

 
A thousand times we swore and more, that we would stay blood on blood…

All I have is your name deep down in my soul…

 
Aber… wieso sitze ich dann jetzt hier, ohne dich? Wieso lebe ich mit Johannes zusammen und nicht mit dir, wenn wir doch immer zusammenbleiben würden? Wieso habe ich nur noch die Erinnerungen an dich, die mir so sehr weh tun?
 
All I have is your name burn marked deep down in my soul…

Like blood on blood…

 

... Ein halbes Jahr hielt ich diese Beziehung aus. Doch dann… ich ertrug es nicht mehr, zu sehen, wie Teresa dich anlächelte und du ihr Lächeln erwidertest… so ehrlich. Vor mir. Wo du mir doch gerade eben noch versprochen hattest, dass du mit ihr reden würdest. Und dass du mich lieben würdest, nur mich. Ich liebte dich so sehr, dass es mir beinahe den Verstand nahm, wenn du sie küsstest und ich daneben stehen musste, ohne etwas tun zu können…

 
Ich erhebe mich wieder und verlasse die Lichtung mit raschen Schritten. Meine Hände sind eiskalt und ich renne am Ende fast, damit ich bald wieder im Warmen bin. Das leise Klingeln der Türglocke empfängt mich angenehm vertraut, als ich meinen Arbeitsplatz betrete und mich erschöpft auf den nächstbesten Stuhl fallen lasse. Mich nehmen inzwischen schon nur so kleine Spaziergänge körperlich mit… mir kommt es so vor, als würde ich immer schwächer werden.
Ich sehne mich nach deinen starken Armen, die mich so oft umschlungen und festgehalten hatten. An deine warme Stimme, die leise meinen Namen geseufzt hatte, so nah bei meinem Ohr… die Geborgenheit, die ich bei niemandem finden kann, die nur du mir schenken konntest.
 

You're the one I ever loved, the chosen one… I could always trust…

 
Der Tag wird anstrengend. Es passiert nichts und ich kann mich nicht konzentrieren. Als ich zuhause ankomme, hat Johannes warmen Kaffee gekocht und wir kuscheln uns zusammen aufs Sofa vor den Fernseher. Aber ich fühle mich dennoch so schlecht, wie schon lange nicht mehr.
 
... Schließlich ging ich kurz nach Neujahrsbeginn zu dir und teilte dir mit, dass ich dich entweder ganz wollte oder gar nicht und deswegen die ganze Sache sofort beenden würde, wenn du weiterhin mit Teresa und mir zusammen sein wolltest. Du hattest erst geschwiegen… hattest dann versucht, mir zu erklären, dass deine Familie es dir nicht verzeihen würde, wenn du Teresa plötzlich sitzen lassen und stattdessen mit mir – einem Jungen – aufkreuzen würdest. Damit hattest du mich furchtbar verletzt. Ich hatte dich angeschrien, dass ich dich nie wieder sehen will, dass du aus meinem Leben verschwinden solltest, dass du mich krank machen würdest. Du hattest da gesessen, hattest genickt… hattest es verstanden. »Es tut mir Leid«, hattest du gesagt, »Es ist meine Schuld.«

Wutschnaubend war ich gegangen, hatte erwartet, dass du mir nachläufst oder in den nächsten Tagen zu mir kommst. Aber das tatest du nicht. Du ließest mich allein… ich sah dich nicht wieder. Du warst nicht mehr in der Musikschule, du kamst nie mehr in den Wald…

 
»Theo?«
Johannes zieht mich in seine Arme, als ein leises Schluchzen über meine Lippen kommt.
»Ach Theo…«
 
Er hält mich fest, so wie er es immer tut. Johannes ist für mich da, er lässt mich nicht allein. Er erträgt mich, so wie ich bin… mit all meinen Phasen, in denen ich nur weine oder in denen ich unansprechbar und unfreundlich zu allen bin… ohne ihn wäre ich vermutlich schon lange nicht mehr…
Und doch liebe ich nur dich und werde nie einen anderen lieben können.
 

You're the one I ever loved, the chosen one…

 
Noah, es funktioniert nicht mehr, es tut zu sehr weh… es schwächt mich zu sehr… Dieses Leben ohne dich. Dieser Gedanke, dass du mich hast gehen lassen, dass du nicht für mich gekämpft hast. Hast du gedacht, dass ich schon wiederkommen würde? Dass ich es nicht aushalten würde, ohne dich?
Ich habe es nicht ausgehalten… aber ich habe einen starken Willen, Noah. Ich wusste, dass es das Beste für mich ist, wenn ich dich nicht mehr sehe. Darum bin ich nicht mehr zu dir gekommen… Habe dich zurückgelassen… habe nicht mehr verfolgt, was du tust. Ich weiß nicht, ob du jetzt noch hier in der Stadt lebst oder ob du mit Teresa woanders hingezogen bist. Es ist ja schon über drei Jahre her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Was in dieser Zeit alles passiert sein kann…
 

Now the years are passing by freezing hearts so cold…

 
»Nicht weinen, Theo«, flüstert Johannes in mein Haar.
 
»Ich kann nicht«, presse ich hervor, »Ich bin zu schwach, um dagegen anzukommen…«
 
»Das bist du nicht«, antwortet Johannes sanft, »Du bist stark. Tief in dir drin. Ich glaube an dich. Ich glaube daran, dass du den Kampf gegen die Erinnerung gewinnen wirst. Eines Tages wirst du wieder lachen können, glaub mir…«
 

All I have is your name burn marked deep down in my soul…

 
Alles was ich habe, ist die Erinnerung an dich, tief in meiner Seele. Noch frisst sie mich von innen auf… aber wird vielleicht ein Tag kommen, an dem ich mich ihr widersetzen kann?
Als ich durch Johannes' schützende Arme durch das Fenster hinaus in die sternenklare Nacht blicke, spüre ich auf einmal eine seltsame Kraft in mir. Eine Kraft, die mir zuflüstert, dass ich kämpfen kann, dass ich stark sein kann.
Vielleicht werde ich eines Tages den Schmerz ausgeschaltet haben, aber deinen Namen werde ich für immer in meiner Seele behalten…
 

1 Kommentar 13.10.10 13:49, kommentieren

Warum Schnee kalt ist?

Genre: Drama

An diesem Montagmorgen fällt der erste Schnee in diesem Jahr. Ich stehe mit bezauberter Miene am Fenster und beobachte die kleinen, kalten Kristalle, die vom Himmel rieseln und - obwohl jeder einzelne von ihnen so winzig ist - zusammen eine dichte, weiße Decke bilden, die dann die ganze Stadt verhüllt. Wie viele Schneeflocken es wohl sind, die jetzt gerade auf dem Balkon zum Liegen kommen?

»Jo? Was machst du denn da? Das Frühstück ist fertig!«
Du stehst angezogen in der Tür und schaust mich fragend an.

»Es schneit«, lächle ich und du trittst neben mich.

»Der erste Schnee dieses Jahr«, fahre ich fort und betrachte zärtlich ein paar Flocken, die vor dem Fenster vorbeitanzen.

»Ja...« Ein kleines Lächeln schleicht sich auf deine schönen Lippen. »Du liebst den Schnee schon immer, oder?«

Ich nicke. »Nichts liebe ich mehr als den Schnee«, flüstere ich.
»Und dich«, füge ich dann hinzu, woraufhin du leise lachst und mich in deine Arme ziehst.

Wieso kann es nicht immer so sein? Warum kannst du nicht jeden Morgen bei mir sein? Warum bist du in letzter Zeit so selten da? Ich schließe die Augen und taste mit den Fingern nach deinem Arm... Bleibe doch einfach immer bei mir.



»Der Schnee ist keine gültige Entschuldigung für's Zuspätkommen«, grinst Sonja mich an, als ich fünf Minuten nach Ladenöffnung ins Geschäft gestürzt komme.

»Tschuldige«, nuschle ich nur und werfe meine Jacke auf die kleine Garderobe in unserem Aufenthaltsräumchen hinter der Theke.
»Ist doch noch gar niemand da, kein Grund zum Stress«, meine ich dann und logge mich in die Kasse ein.

Ja, ich bin Verkäufer. Kleiner, dummer Verkäufer in einem billigen Kiosk an der Straßenecke. Ich verkaufe Zeitschriften, Zigaretten und anderen Schnick-Schnack, den die Leute glauben, zu brauchen.
Glücklicherweise befindet sich im selben Raum auch ein kleiner Bäcker, welchen Sonja betreut. Sie ist eine kleine, dicke Frau mit strohblondem Haar und unglaublich viel Redebedürfnis. Doch ich begrüße ihre Anwesenheit, denn mit ihr kann ich mich wenigstens unterhalten. Oder so tun, als ob - meistens redet sie und ich höre zu.

»Ich hasse den Winter«, schnattert sie auch prompt drauf los, »Immer diese Kälte und Nässe und der Dreck, den die Kunden hier rein schleppen...«

»Ich mag den Schnee«, murmele ich nur, doch Sonja scheint das nicht wahrzunehmen.

Im selben Moment ertönt das leise Klingeln der Türglocke und eine Frau kommt hereingeeilt, die sich hastig ein Brötchen bei Sonja bestellt, bevor sie wieder verschwindet.
Nun kommen nach und nach immer mehr Kunden, die sich irgendein Gebäck und manchmal auch die Tageszeitung bei mir kaufen. Alles gehetzte Leute, mit Taschen und müder Miene.

Ich grüße jeden Einzelnen freundlich, doch kaum jemand antwortet wirklich. Einzig ein kleines Mädchen mit einem großen Schulranzen, das sich eine Pferde-Zeitung kauft, strahlt mir ein »Guten Morgen!« entgegen und ich schenke ihr einen Lolli.

Gegen neun Uhr nimmt der Kundenstrom ab und es erscheinen nur ab und an noch einzelne Senioren, die erst jetzt frühstücken. Ich beneide sie um die Zeit, die sie haben. Jeden Tag können sie ausschlafen. Jeden Tag können sie in Ruhe verbringen. Sie werden nicht aufgescheucht, wenn sie sich irgendwo hinsetzen und stundenlang sitzenbleiben, um zu entspannen.

»So, jetzt wird's ruhiger«, schnauft Sonja, die bis eben noch alle Hände voll zu tun gehabt hat. »Willst du ein Brötchen, José?«

»Nenn mich nicht so«, antworte ich zerknirscht und blättere in der Tageszeitung herum, die auf dem Tresen vor mir liegt.

»Entschuldige, Josef«, schnurrt Sonja.

»Ich würde einen Kaffee nehmen«, sage ich dann und gehe zu ihr hinüber, um das heiße Getränk zu bezahlen.

»Schau nicht so mürrisch«, fordert sie mich auf, »Du hast gesagt, du magst den Schnee, also freu dich doch drüber und guck nicht so griesgrämig!«

Sie hat es also doch mitbekommen, was ich vorhin sagte?

»Mh«, mache ich nur und ziehe mich hinter meine Theke zurück.

Jetzt beginnt die langweilige Phase des Tages: Wochentags kommt in den Vormittagsstunden kaum jemand. Ab und zu wie gesagt ältere Leute und manchmal auch Mütter mit ganz kleinen Kindern oder Hochschwangere. Studenten manchmal auch. Also insgesamt die Leute, die nicht arbeiten um diese Zeit.

Erst gegen eins wird es wieder interessant werden, denn dann ist Mittagspause und man wird sich bei Sonja ein belegtes Brötchen oder bei mir Zigaretten kaufen.

Ich schlage das Kreuzworträtsel der Zeitung auf und zücke einen blauen Kugelschreiber.
Auch Sonja scheint sich mit irgendetwas zu beschäftigen und so ist im Raum nur die leise Musik aus dem Radio zu hören.
Ein Tag wie jeder andere...

Ich kann mich nicht auf das Rätsel konzentrieren. Immer wieder wandert mein Blick nach draußen und ich beobachte die Schneeflocken. Ich sehe mich selbst vor fünfzehn Jahren, als ich begeistert durch den Garten sprang und versuchte, so viele Flocken wie möglich zu fangen. Nach einer Weile war ich verzweifelt zu meiner Mutter gelaufen und hatte sie unter Tränen gefragt, warum die Schneeflocken denn nicht in meinen nackten Händen blieben. Immer wenn ich mir ganz sicher gewesen war, eine Schneeflocke gefangen zu haben und vorsichtig meine Hand öffnete, um mir die kleinen, weißen Kerlchen mal aus der Nähe anzuschauen, waren sie verschwunden und nichts als ein kleiner, feuchter Fleck war auf meiner Hand zurückgeblieben.
»Mama, sterben die Schneeflocken, wenn ich sie fange?«, hatte ich angstvoll gefragt. »Sie schmelzen auf deiner warmen Haut«, hatte meine Mutter geantwortet.
Seit dem habe ich nie wieder Schneeflocken gefangen.

Jetzt denke ich an dich. Viel zu oft denke ich an dich. Anfangs war es so wunderschön mit dir. Es hatte so gut getan, bei dir zu sein... du warst immer da. Aber nun... nach diesen verdammten drei Jahren beginnt alles zu zerbröseln. Du bist nun immer weniger da. So oft muss ich allein schlafen, so oft... Wieso verliere ich dich jetzt? Drei Jahre habe ich so schön mit dir verbringen können und nun löst unsere gemeinsame Welt sich in Luft auf?

Wie erwartet kommen um die Mittagszeit wieder vermehrt Kunden. Eigentlich schauen sie nicht anders drein, als heute Morgen. Noch immer etwas müde und geschafft. Aber dennoch wirken viele entspannter... denn es ist ja Mittagspause.
Ab vierzehn Uhr wandert mein Blick immer wieder zur Zeitanzeige der Kasse. Ich hasse diese Phase, sie ist so voller Anspannung und Nervosität. Jeden Tag.
Ich weiß, dass Adam erst gegen drei kommen wird, aber dennoch bin ich aufgeregt.

Ab halb drei zucke ich bei jedem Klingeln der Türglocke zusammen und schaue gehetzt auf. Bei den ersten fünf Fällen senke ich danach wieder etwas entspannter den Kopf und verkaufe mit zwar pochendem Herz, aber lockerem Auftreten.
Beim sechsen hellen »Pling« der Glocke bleibt mein Herz jedoch kurz stehen, als mein Blick zur Tür fällt.

Endlich.

Wie immer mit müdem Blick schlurft Adam ins Warme. Er bleibt vor Sonjas Theke stehen und starrt einen Moment teilnahmslos die Brötchen an, bevor er mit leiser Stimme bestellt.
Seine Stimme habe ich schon immer geliebt. Leise... so leise... dabei ist er Lehrer! Aber das ändert nichts daran, dass er seine Klasse im Griff hat.
Er besitzt eine Ausstrahlung, die niemand so einfach hat.

Ein kleines Lächeln hat er für Sonja übrig, als sie ihm seine Brötchentüte reicht. Ich halte die Luft an, als er sich in die Richtung meiner Theke dreht und nun zu mir schlendert.

»Guten Tag«, murmelt er und betrachtet wie eben noch die Brötchen nun das Zigarettenangebot.
Ich weiß genau, welche Sorte er wählen wird.... Pall Mall Blue. Die nimmt er immer. Seit einem halben Jahr nun schon.

»Eine Packung Pall Mall Blue«, bestellt er auch prompt und beginnt in seinem Portemonnaie die Münzen zusammenzukramen.

Sein Haar ist zerzaust und ich kann einige noch nicht geschmolzenen Schneeflocken darin entdecken. Mit pochendem Herzen verfolge ich, wie er das Geld zusammensammelt und mir dann in die Hand gibt. Er legt das Geld nie in die kleine Schale auf der Theke. Vom ersten Tag an hat er es in meine Hand gelegt.

»Danke«, nuschelt er, als er seine Ware entgegen nimmt.

Jeden Tag kauft er sich eine Schachtel. Er raucht vermutlich wirklich viel inzwischen. Früher hat er das meines Wissens nach nicht getan.
Aber er hat sich in vielerlei Hinsicht verändert. Gar so müde und geknickt hat er damals zum Beispiel auch nicht ausgesehen.

»Einen schönen Tag noch«, wünsche ich ihm etwas heiser und er schenkt mir einen kleinen Blick aus seinen dunklen Augen.

»Ihnen auch«, murmelt er, bevor er das Geschäft verlässt.

»Wie heißt der gleich?«, höre ich Sonjas keifende Stimme.

»Adam«, flüstere ich, »Adam Wiese.«

»Komischer Kauz, was macht der eigentlich?«, fragt Sonja weiter.

»Er ist Lehrer. Unterrichtet Deutsch drüben an der Schiller-Schule«, antworte ich gedämpft.

»Ach? Da warst du doch, oder?«, fragt Sonja.

Ich nicke betreten. »Er war drei Jahre lang mein Lehrer.«

Sonja schweigt, was für sie sehr ungewöhnlich ist.

»Aber er erkennt mich nicht wieder«, sage ich dann mit einem bitteren Kopfschütteln.



Es ist kalt in meiner Wohnung, als ich nachhause komme. Natürlich ist es das, denn wenn ich nicht da bin, dreh ich auch nicht die Heizung auf. Und du machst das sowieso nicht...
Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass du vielleicht doch da bist. Mit langsamen Schritten gehe ich durch meine kleine, gemütlich eingerichtete Wohnung. Die Schlafzimmertür öffne ich mit besonders viel Vorsicht. Ich trete in den kalten Raum und schließe sofort die Augen. Dann atme ich tief durch und denke an dich. Mit aller Kraft, weil ich mir so sehr wünsche, dass du hier bist. Früher lagst du oft im Bett rum, wenn ich nachhause kam. Hast gelesen.
Und jetzt?
Ich öffne die Augen, blicke zum Bett und sehe das schmale Lächeln deiner fein geschwungenen Lippen.

»Na Jo?« Du grinst mich an und ich springe überglücklich auf das Bett zu.

Du bist hier!

Schnurrend schmiege ich mich in deine warmen Arme und werde von dir gehalten. Wieder schließe ich die Augen und genieße deine Nähe... deinen Duft... Das Heben und Senken deiner Brust...

»Wollen wir einen kleinen Winterspaziergang machen?«, fragst du mich und ich setze mich mit strahlenden Augen auf.

»Ja!«, rufe ich aus und du küsst mich nach einem kleinen Lachen.

»Es ist schön, dass man dich mit so einfachen Dingen begeistern kann«, hauchst du gegen meine Lippen.

Ich schmunzle und wir gehen gemeinsam in den Flur, wo wir uns warme Jacken und Stiefel anziehen. Dann verlassen wir die Wohnung und gehen ein Stückchen schweigend durch die Straßen, bis wir zum Feld kommen, welches am Rand des kleinen Stadtteils liegt. Hier ist es schön ruhig. Liebevoll streift mein Blick über die weiße Fläche vor mir. Im Moment schneit es nicht, aber es ist den Tag über genügend Schnee gefallen für eine dichte Schneedecke.

Langsam gehen wir den verlassenen Weg entlang und genießen die Stille, die der Schneefall mit sich bringt. Es gibt so viele Aspekte, die ich am Schnee liebe: die Faszination der kleinen, weißen Flocken, die durch die Luft tanzen können... die Häuser, Autos und Bäume, die wie gepudert aussehen... und diese sanfte Ruhe, welche auch Weihnachten diese besondere Atmosphäre verleiht und für die der Schnee verantwortlich ist.

Deine warme Hand liegt in meiner, ich streiche gedankenverloren über deine Finger und höre dein schwaches Seufzen.
Besorgt schaue ich zu dir und sehe, dass deine Miene schmerzvoll ist.

»Was hast du?«, frage ich leise und drücke dabei deine Hand fester.

Du siehst mich stumm an und bleibst schließlich stehen. Ruckartig ziehst du mich an dich und küsst mich hungrig. Deine Hände rahmen mein Gesicht ein und erlauben mir nicht, mich von dir zu lösen, was ich ohnehin nicht vorgehabt hätte.

»Es ist so wunderschön mit dir«, wisperst du gegen meine Lippen, »Du bist... ein so wertvoller Mensch, Josef.«

»Josef!«

Ich fahre herum. Hinter mir steht eine ehemalige Schulkameradin von mir und grinst mich an.

»Hab ich dich erschreckt?« Sie lacht, bevor sich mich kurz umarmt. »Bewunderst mal wieder den Schnee, nicht wahr?«

Ich reibe mir etwas betäubt die Schläfen und nicke dabei stumm.
»Kommst du auf einen Glühwein mit zu mir?«, bietet sie an, nachdem wir ein Stückchen nebeneinanderher gelaufen sind.

Ich stimme zu und beende meinen einsamen Winterspaziergang.



»Nie schneit es und dieses Jahr fällt gleich am zweiten Tag so viel Schnee wie in den letzten drei Jahren zusammen nicht! Das ist nicht zum Aushalten, ich hasse es, jeden Morgen das Auto freischippen zu müssen und überhaupt ist es so verdammt kalt...«

Ich höre Sonja überhaupt nicht zu. Mein Kopf brummt, obwohl ich schon die zweite Tasse Kaffee trinke. Meine müde zusammengekniffenen Augen starren auf einen imaginären Punkt und es fällt mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.
Ich habe gestern eindeutig viel zu viel Glühwein getrunken.

Nun sitze ich hier und lasse Sonjas munteres Geplapper auf mich einrieseln, ohne es wahr zu nehmen. Heute grüße ich die Leute nur schwach, die einkaufen kommen. Denen scheint das nicht aufzufallen, sie sind ebenso gedanklich abwesend, wie ich es bin.
Die Zeit bis fünfzehn Uhr zieht sich heute extrem unangenehm hin. Die schlaflose Nacht, die ich ohne dich habe verbringen müssen, steckt mir noch so sehr in den Knochen, dass ich gar nicht mitbekomme, wie Adam in den Laden kommt.

Erst als mich seine warme Stimme aufschrecken lässt, entdecke ich ihn drüben bei Sonja. Plötzlich bin ich hellwach und meine Atmung beschleunigt sich...
Adam.

Wie immer kommt er, nachdem er seine Backware entgegen genommen hat, zu mir. Ohne Nachzudenken, greife ich mir die Packung Pall Mall Blue, woraufhin er lächelt.
Er lächelt!
Völlig perplex über diese Mimik, die sein Gesicht erhellt, starre ich ihn an und muss das Lächeln einfach erwidern.

»Sie kennen mich ja inzwischen gut«, schmunzelt er und reicht mir das Geld.

»Sie kaufen seit einem halben Jahr jeden Tag das gleiche«, antworte ich, »Das merkt man sich dann doch.«

Die warmen, dunklen Augen wandern über mein Gesicht. Es ist das erste Mal in diesem halben Jahr, dass er mich bewusst ansieht - zumindest kommt es mir so vor.
Die Welt scheint still zu stehen... Es gibt nur noch Adam und mich... seine dunkelbraunen Augen und meine wässrig blauen, die sich gegenüber stehen und ineinander zu lesen versuchen.

»Ich kaufe seit Jahren diese Marke«, murmelt er dann, »Nicht erst seit einem halben Jahr...«

»Aber ich arbeite hier erst seit einem halben Jahr«, antworte ich gedämpft, »Was vorher war, kann ich nicht wissen.«

Er nickt. »Was haben Sie vorher gemacht?«

»Meine Ausbildung«, antworte ich, »Und eine Weile habe ich drüben im Supermarkt gearbeitet als Praktikant.«

Er nickt nachdenklich. »Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«
Mit diesen Worten ist er verschwunden, bevor ich seine Wünsche erwidern kann.

»Ich sag ja, der Kerl ist verrückt!«, kommentiert Sonja Adams plötzliches Verschwinden.

Doch ich streiche mir mit zittrigen Händen über das Gesicht, und versuche, zu Atem zu kommen.
Das war gerade das erste Mal, dass Adam und ich mehr Worte als den üblichen »Ich nehme...« und »Das macht...« - Dialog miteinander gesprochen haben. Er hat mir zum ersten Mal wirklich in die Augen gesehen! Ausgerechnet heute, wo es mir so schlecht geht... ich muss unwillkürlich lächeln. Ob er sich vielleicht doch an mich erinnert?
An den kleinen, schmalen Jungen mit dem mausgrauen Haar und der unleserlichen Handschrift in der dritten Reihe?
Drei Jahre war Adam Wiese mein Deutschlehrer. Von der achten bis zur zehnten Klasse. Bei ihm habe ich meine Abschlussprüfung geschrieben, die in Deutsch sogar richtig gut ausfiel. Deutsch war immer schon meine Stärke in der Schule. Meine einzige Stärke.
Was war ich froh, als ich die Schule endlich hinter mir hatte... bis mir bewusst wurde, dass ich nun Adam nicht mehr automatisch jeden Tag sehen würde.
Und dann hatte ich hier angefangen zu arbeiten und war nach den reichlichen zwei Jahren, die ich ihn nicht gesehen hatte, aus allen Wolken gefallen, als er plötzlich vor mir an der Theke gestanden hatte.

»Was ist nur los mit dir, Josef?«, fragt Sonja mich plötzlich und tritt zu mir an die Theke.

»Was soll los sein?«, frage ich etwas hektisch.

»In den letzten Tagen bist du oft so unkonzentriert und wirkst übermüdet«, sagt sie mit sanfter Stimme, »Irgendetwas muss doch los sein, oder?«

Wieso muss sie jetzt denn ihre Mutterinstinkte auspacken?
Ich schüttle nur mürrisch den Kopf.

»Hast du denn eigentlich eine Freundin?«, fragt sie mit einem schelmischen Grinsen.

»Nein«, antworte ich knapp.

»Oh... dann bist du also einsam«, sagt sie und es klingt wie eine Feststellung.

Vielleicht ist es das aber auch... vielleicht hat sie ja Recht.

»Ist es das?«, fragt sie nach.

Gott, wie kann ein Mensch so neugierig sein?
Ich mache eine Mischung aus Achselzucken und Nicken, womit ich ausdrücken will, dass sie nicht völlig im Unrecht ist.

»Mh, es wartet also niemand auf dich, wenn du nachhause kommst und du wachst jeden Morgen alleine auf...« Sie nickt mitfühlend und kratzt sich nachdenklich am Kopf.

Mir schnürt es die Kehle zu, als ich bei diesen Worten an dich denken muss. Drei Jahre lang hast du jeden Tag auf mich gewartet und ich bin jeden Morgen in deinen Armen aufgewacht... aber...

»Wie lange geht das denn schon so?«, fragt Sonja weiter.

Merkt sie nicht, dass mir ihre Fragerei unangenehm ist?

»Seit drei Jahren, aber können wir das Thema jetzt bitte lassen?«, antworte ich genervt.

»Also seit du aus der Schule raus und bei deinen Eltern ausgezogen bist?«, übergeht sie forsch meine Bitte.

»Ja verdammt«, zische ich, »Du hast Kunden.« Erleichtert habe ich ein junges Pärchen drüben vor der Kuchentheke entdeckt und nun ist Sonja gezwungen, für einen Augenblick von mir abzulassen.

Als die zwei händchenhaltend den Laden verlassen haben, bleibt Sonja jedoch glücklicherweise hinter ihrer Theke stehen und rückt die Brote zurrecht.

»Du musst mir das nicht erzählen, Josef«, sagt sie dann plötzlich sanft und lächelt zu mir hinüber, »Ich dachte nur, dass wir doch Kollegen sind und füreinander da sein sollten. Ich mag dich, du bist ein netter Kerl. Ich mach mir einfach Sorgen, wenn du so unglücklich drein schaust, darum will ich dir helfen.«

Unweigerlich muss ich ihr Lächeln erwidern. »Das ist lieb von dir«, antworte ich, »Aber mir musst du nicht helfen. Ich komme klar.«



Ich werde von deinen warmen Lippen geweckt, die über meine Wange tanzen. Ganz zärtlich berühren sie meine Haut und locken mich aus dem Schlaf. Mit einem Lächeln drehe ich mich auf den Rücken, jedoch ohne meine Augen zu öffnen. Ich will die Illusion, dass du bei mir bist, nicht vertreiben.
Deine Hände streicheln meinen Körper, während wir uns küssen. Ich seufze, denn es fühlt sich so gut an. Du weißt einfach so genau, was ich will, was mir gefällt und wie du mich zum Schmelzen bringst. In deinen Armen vergehe ich vor Leidenschaft und Liebe...
Dann liegen wir engumschlungen da und als ich die Augen öffne, verlässt du das Zimmer.

Es ist Samstag, ich habe also bis Mittag frei. Darum bleibe ich noch ein wenig im Bett liegen, bevor ich aufstehe und unter die Dusche steige. Zufrieden schnurre ich unter dem warmen Wasser und bleibe viel länger als notwendig an die Wand gelehnt stehen, um die Behaglichkeit zu genießen.

Danach ziehe ich mir frische Kleidung an und öffne im Schlafzimmer das Fenster weit. Es schneit nicht, dafür ist der Himmel strahlend blau und der Sonnenschein lässt die Schneedecke auf den Dächern der umliegenden Häusern glitzern und funkeln.

Die kalte Winterluft schlägt mir entgegen und greift meinen von der Dusche aufgewärmten Körper erbarmungslos an. Zum Lüften lass ich das Fenster dennoch offen und verlasse den Raum. In der Küche bereite ich mir ein kleines Frühstück zu und überlege, wie ich mein Wochenende verbringen möchte. Mir geht es emotional erstaunlich gut, sodass ich gar nicht weiter traurig darüber bin, dass du wieder fort bist.

Schließlich beschließe ich, ein bisschen eher zur Arbeit zu gehen. Der Kiosk macht samstags erst um eins auf, doch ich kann ja noch ein paar Worte mit Sonja wechseln.

Also ziehe ich meinen dicken Mantel über und mache mich wie immer zu Fuß auf den Weg. Einen Führerschein habe ich nicht und darum auch kein Auto

Ich traue meinen Augen kaum, als ich an der Ampel auf Adam treffe. Er steht mit abwesendem Blick steif da und starrt auf das rote Ampelmännchen.
Seine zitternden Finger umklammern einen Zigarettenstummel, an welchem er immer wieder zieht.
Ich trete neben ihn und frage mich, ob ich ihn ansprechen soll. Aus den Augenwinkeln betrachte ich sein Gesicht. Es ist blass und eingefallen... die Haut erscheint mir unrein und ein leichter Drei-Tage-Bart unterstreicht den ungepflegten Eindruck noch mehr.

Adam, Adam, was ist bloß mit dir los?

Nun scheint er mich entdeckt zu haben, denn er dreht sich ruckartig zu mir um und mein Herz setzt für einen Schlag aus. Wieso hat der Mann auch so schöne Augen, die trotz des kränklichen Aussehens seines Gesichtes so strahlen?

»Josef!«, sagt er erstaunt und schenkt mir nun zu allem Überfluss ein Lächeln.

»Sie kennen mich noch?« Ich kann meine Überraschung nicht im Zaum halten.

Adam schmunzelt. »Ja natürlich«, sagt er dann, »Ich... habe nur eine Weile gebraucht, um mich zu erinnern.« Die Ampel springt auf Grün und wir überqueren nebeneinander die Straße. Nervös registriere ich das Zittern meiner Beine.

»Ich habe gestern den ganzen Nachmittag damit verbracht, darüber nachzudenken, wer du bist und woher ich dich kenne«, sagt er dann.

Ich muss lächeln und hätte vor Freude am liebsten einen kleinen Luftsprung gemacht.
Er erinnert sich an mich! Adam hat mich nicht vergessen. Glücklich sehe ich ihn von der Seite an und muss niedergeschlagen feststellen, dass seine Miene wieder hart geworden ist. Den restlichen Weg zum Kiosk legen wir schweigend zurück.

»Du verdienst einen besseren Job«, sagt Adam, als wir vor dessen Tür zum stehen kommen.

Ich hebe die Augenbrauen.

»Du hast verdammt viel Grips, Josef«, fährt er fort. »Andererseits... wenn es dir gefällt, was du hier tust, dann sollst du es weiterhin machen. Es ist wichtig, dass du in deinem Leben das machst, was dich glücklich macht.«

Nachdenklich sehe ich in seine Augen.
Bin ich zufrieden mit meinem Job? Nun... er ist nicht sonderlich spannend. Jeden Tag passiert das gleiche, die Kunden sind meistens dieselben und ich verdiene ausreichend, um alleine zurecht zu kommen.
Ich merke, dass das, was ich an meinem Job so liebe, in diesem Augenblick vor mir steht: jeden Tag gehe ich nur deswegen hier her, weil ich weiß, dass gegen drei Uhr Adam hier aufkreuzen und sich ein Brötchen und eine Schachtel Pall Mall Blue kaufen wird. Ich lebe nur für diese knappen zwei oder drei Minuten, die er hier verbringt... Diese wenigen Augenblicke in seiner Nähe... seine Stimme... seine unabsichtlichen Berührungen, wenn er manchmal beim Bezahlen meine Hand berührt... dafür arbeite ich hier und bin nicht bereit, diese Arbeit aufzugeben.

»Bis Montag«, lächelt er plötzlich und ist im nächsten Moment verschwunden.

Kopfschüttelnd bleibe ich stehen, wo ich bin.
Du stehst hinter mir, das spüre ich. Zitternd schließe ich die Augen und überlege, was ich tun soll: mich zu dir umdrehen und mich von dir in die Zauberwelt entführen lassen? Oder besser in den Laden gehen und meine Arbeit beginnen?
Oder soll ich Adam hinterher laufen?

Als ich die Augen öffne und mich umdrehe, bist du verschwunden. Du hast gemerkt, dass ich gerade keine Zeit für dich habe.



Adam lächelt mich am Montag an, als er in den Laden kommt. Doch außer »Guten Morgen« und »Auf Wiedersehen«, wechseln wir heute keine Worte. Bestellen muss er nicht mehr - ich weiß ja, was er kaufen will. Und den Preis kennt er auch.

Und dennoch fühlt sich mein Herz so wundervoll warm an, als ich mit den Augen verfolge, wie er den Laden wieder verlässt.



Als ich nachhause komme, wartest du im Schlafzimmer und ich falle seufzend in deine Arme. Du streichst über meinen Rücken und drückst meinen Körper an dich.
»Ich liebe dich«, murmelst du in mein Haar, »ich liebe dich so sehr, wie ich noch nie in meinem Leben einen Menschen geliebt habe...«

Nun kommen mir fast die Tränen als in deine Augen sehe, aus denen so viel Liebe spricht, dass mir die Luft wegbleibt.
Innig umarme ich dich und murmle dir zu, dass du mir ebenso viel bedeutest. Eigentlich hast du gar keine Ahnung, wie wichtig du mir bist, denn ich kann es nicht in Worte fassen…



Der Dienstag beginnt mit einem regelrechten Schneesturm, durch den ich mit springendem Herzen laufe. Schnee, so viel Schnee!!

Durchgefroren erreiche ich den Laden und finde eine verärgerte Sonja vor, die wie immer dabei ist, sich über das aufzuregen, was niemand ändern kann: das Wetter.

»Strahl nicht so!«, faucht sie mich an.

»Kann ich es dir eigentlich irgendwie recht machen?«, frage ich lachend zurück, »Wenn ich müde und mürrisch bin, regt es dich auf, aber bin ich gut gelaunt, dann beschwerst du dich auch.«

Sonja verdreht die Augen und die nächste Stunde sind wir mit Verkaufen beschäftigt. Die übliche darauf folgende Wartezeit auf Adam verläuft wie immer von Nervenkitzel begleitet. Vor allem steigt meine Anspannung, als er halb vier noch immer nicht erschienen ist. Normalerweise kommt er nur Mittwochs etwas später...

Der Laden schließt achtzehn Uhr und ich bin deutlich ernüchtert, da Adam bis dahin nicht erschienen ist. Traurig verabschiede ich mich von Sonja und als ich gerade die Straße überquert habe, höre ich hinter mir hastige Schritte und eine schwache Stimme meinen Namen rufen.

»Adam?«, flüstere ich und drehe mich ungläubig um.

»Geh von Straße runter«, ruft Adam mir zu und ich höre das Rauschen eines herannahenden Autos.

Im nächsten Augenblick werde ich nach hinten gestoßen und lande auf dem Rücken auf dem Bürgersteig. Das Quietschen der Bremsen des Autos habe ich noch im Ohr, doch ich sehe nur geistesabwesend in die geschockt geweiteten, dunklen Augen über mir.

»Du kannst doch nicht einfach auf der Straße stehen bleiben!«, flüstert Adam zittrig und hilft mir auf die Beine.

Ungläubig sehe ich von ihm zu dem Auto, das auf der Straße gehalten hat und nun wieder anfährt, während mich der Fahrer verärgert ansieht.

»Er hätte dich beinahe überfahren«, kommentiert Adam.

Ich suche seinen Blick. »Sie haben mich gerettet«, antworte ich.

»Adam.«

»Mh?«

»Ich duze dich, also kannst du dasselbe tun. Ich bin nicht mehr dein Lehrer, Josef.«

Zwar rast mein Herz vor Schock noch immer, doch ich muss lächeln.

»Danke. Dass du mich gerettet hast...«

Er zuckt die Achseln. »Wegen mir bist du überhaupt erst stehen geblieben, also...«

»... war es deine Pflicht.« Ich nicke ernüchtert.

»Du hast schon zugemacht, oder?«, fragt er dann und deutet auf die Ladentür auf der anderen Straßenseite.

Ich nicke. »Achtzehn Uhr. Wie immer.«

Er seufzt.

»Bist du jetzt auf Entzug?«, kann ich mir die eigentlich viel zu freche Frage nicht verkneifen.

Er sieht mich an. »Das ist nicht lustig, Josef«, flüstert er.

»Entschuldige«, murmle ich und krame in meiner Tasche.

Mit einem schmalen Lächeln reiche ich ihm die Packung Pall Mall Blue, die ich vorhin noch gekauft habe, bevor ich den Laden schloss.

»W-Was?« Er muss lachen. »Was soll das denn?«

»Ich hab sie für dich gekauft«, antworte ich ehrlich.

Ich kaufe oft diese Zigaretten, obwohl ich nicht rauche. Eigentlich kaufe ich sie für dich... für Adam…
Ich lächle Adam an, der mich nachdenklich mustert. Dann nimmt er mir die Packung aus der Hand und legt mir stattdessen das passende Geld hinein.

Schweigend stecke ich es ein und sehe Adam zu, wie er seine Zigarette anzündet und einen tiefen Zug nimmt.

»Komm mit, ich lade dich auf einen Glühwein ein.« Er sucht meinen Blick, sieht dabei aber selber sehr ernst aus.

»Gut...« Ich nicke und folge ihm.

Schweigend gehen wir nebeneinander her und ich fühle mich, als würde ich träumen. Das kann nicht Adam sein, der da neben mir her läuft... Unmöglich.

Adam bewohnt eine kleine Wohnung in einem schönen, alten Fachwerkhaus. Er hat einen Kamin, den er anfeuert, bevor er mich bittet, auf dem kleinen Sofa Platz zu nehmen.

Schweigend lasse ich mich auf dem weichen Polster nieder. Noch ist es kühl in der Wohnung, doch bald beginnt das Feuer im Kamin zu knistern und wärmt den Raum auf.
Adams Wohnung erscheint mir trostlos und leer. Keine Bilder an den Wänden, die leer und klinisch weiß auf mich hinab sehen. Die Möbel sind schlicht und größtenteils staubbedeckt. Der Kamin ist das einzig Schöne in der ganzen Wohnung... abgesehen von Adam selbst.
Und überall riecht es nach Rauch...

Adam kehrt mit zwei dampfenden Tassen aus der Küche zurück und reicht mir eine davon.

»Danke«, flüstere ich und er setzt sich neben mich. Das Sofa ist so verdammt klein, dass sich dabei unsere Knie berühren.

Nachdenklich schlürfe ich das heiße Gebräu und genieße die leicht betäubende Wirkung, die der Alkohol hat.
Schweigen herrscht zwischen Adam und mir, bis er fragt: »Lebst du allein?«

Ich drehe mich zu ihm um. Das Flackern des Kaminfeuers spiegelt sich in seinen großen, dunklen Augen, die mich wachsam ansehen.
Vorsichtig nicke ich.

»Magst du das?«, fragt er weiter.

»Das Alleineleben?

Er nickt.

»Nein«, flüstere ich dann ehrlich, »Wenn ich ehrlich bin... ich sehne mich nach...« Ich stocke.

»Gesellschaft, mh?« Er schmunzelt traurig, sagt dann aber nichts mehr.

»Geht es dir auch so?«, frage ich behutsam und sehe zu ihm.

Sein Blick ist in die Flammen des Feuers gerichtet. Er scheint in Gedanken weit weg zu sein...

»Adam?«

Er schaut zu mir auf. »Ja«, antwortet er auf meine Frage, »Ich... bin auch einsam.«

Abstruserweise muss ich lächeln.
Er nickt mit wissendem Blick. »Da haben sich nun zwei Einzelgänger gefunden«, meint er leise.

Erst nicke ich, doch dann erinnere ich mich an das, was mich zu meiner Schulzeit immer so traurig gestimmte hatte, wenn mich meine Gefühle für Adam wieder einmal überrannten.

»Entschuldige, wenn die Frage etwas persönlich ist, aber...« Ich zögere, »Du warst doch verheiratet, oder?«

»Ja«, antwortet er leise. »Aber...« Er schüttelt den Kopf. »Ich rate dir, niemals zu heiraten, Josef.« Er sieht mich nun ernst an. »Liebe ist wunderschön. Wenn du glaubst, einen Menschen zu lieben und dir sicher bist, dass du dein restliches Leben mit diesem Menschen verbringen willst, dann sage diesem Menschen das. Sprich mit diesem Menschen darüber. Aber komme bloß nicht auf die Idee, ihn durch einen Ring und einen Schwur vor Gott dazu zu zwingen, dir treu zu bleiben. Es ist keine Treue und kein Vertrauen mehr, wenn man sich wegen der Ehe dazu gezwungen fühlt. Wenn zwei Menschen sich wirklich lieben, dann brauchen sie keine kitschige Feier und keine heiligen Versprechen, um diese Liebe ihr restliches Leben lang in sich zu tragen.«

Eine kleine Träne hat sich in seinen Augenwinkeln gebildet und läuft über seine Wange hinab.

Schmerzhaft zieht sich mein Herz zusammen und ich schüttle den Kopf. »Ich hatte nie vor, zu heiraten«, flüstere ich.

»Das ist gut«, lächelt er, »Das ist klug...«
Ein Seufzen kommt über seine Lippen und er nimmt einen hastigen Schluck von seinem Getränk.

Draußen ist es schon längst dunkel geworden. Dennoch kann ich die Schneeflocken sehen, die an der Fensterscheibe vorbeifliegen.

»Magst du den Winter?«, frage ich leise.

»Er ist so dunkel«, flüstert Adam.

»Aber der Schnee... er ist hell.«

»Und kalt.«

---

Ich komme ziemlich angetrunken zuhause an. Adam und ich haben kaum noch miteinander gesprochen, aber noch viel Glühwein getrunken, und als ich mich von ihm verabschiedete, waren unser beider Stimmen stark belegt.
Ich denke keine Sekunde lang an dich, als ich in mein Bett falle.

Doch ich träume schlecht. Ich träume von dir... Ich träume, wie ich dich verliere, wie du vor meinen Augen gehst, dorthin, wo ich dir nicht folgen kann. Immer wieder schrecke ich aus dem Schlaf und starre dann abwesend hinaus in den Schneesturm.
Am Morgen aufzustehen schmerzt furchtbar. Mein Körper ist träge und jeder Bewegung folgt ein unangenehmes Ziehen in den entsprechenden Muskeln.
Ich taumle in den Kiosk, nehme die Kälte nicht wahr, die sich in meine Knochen bohrt, da ich die falsche Jacke angezogen habe.

Sonjas bestürzten Blick, als ich so deutlich erschöpft in den Laden stolpere, ignoriere ich einfach und wanke in das Räumchen hinter der Theke, von dem eine schmale Tür in ein winziges Badezimmer führt.

Zitternd stütze ich meine Hände auf der Kloschüssel ab und übergebe mich keuchend. Ich habe heute morgen nichts gegessen, darum hat mein Magen außer bitterer Säure nichts, was er durch meine Speiseröhre zurück ans Tageslicht befördern könnte.

»Josef, was ist denn passiert?« Sonja steht besorgt in der Tür.

»Geh weg«, presse ich hervor und sinke erschöpft auf die Knie. »Ich hab... nur nen Kater.«

Sonja geht nicht und ich bin mir sicher, dass sie weiß, wie glücklich sie mich damit macht. Es tut so gut, wie sie den Arm um mich legt und mir etwas zu trinken gibt. Ich fühle mich behütet, als sie mich zurück in den Abstellraum führt und mich auf das winzige Sofa dort drückt.
»Ruh dich aus, du hast ja noch eine viertel Stunde bis zur Öffnung«, sagt sie, »Wenn‘s nicht geht, dann rufe ich Stephan an.«

Ich bin eingeschlafen, bevor ich zustimmen kann.



Mein Magen krampft erneut, wodurch ich aufwache. Doch ich schaffe es, ihn unter Kontrolle zu behalten und schaue mich nur verwirrt um.
Noch immer befinde ich mich in dem kleinen Abstellraum. Die Tür zum Laden ist geschlossen, doch ich kann das Lachen von meinem Kollegen Stephan hören. Eigentlich arbeitet er in einer größeren Filiale am anderen Ende der Stadt, doch er springt immer bei mir ein, wenn es mal notwendig ist. Bisher war es nur ein mal der Fall, als ich ähnlich wie heute mit heftigem Fieber erwacht und einfach nicht zum Arbeiten in der Lage gewesen war.

»Josef...«

»Adam?!« Erschrocken fahre ich herum und entdecke den schönen Mann am Fenster. Er hat bis eben regungslos dagestanden, sodass ich ihn noch nicht wahrgenommen habe.

»Was zur Hölle tust du hier?« Ich starre ihn an.

»Ich kam in den Laden und du warst nicht da«, antwortet er und tritt zu mir ans Sofa, auf welchem ich mich nun aufrichte. »Ich habe mir Sorgen gemacht und deinen Kollegen nach dir gefragt. Nach seiner Erklärung, du hättest einen Kater, fühlte ich mich verantwortlich und mir wurde erlaubt, nach dir zu sehen.«
Ein schmales Lächeln ziert sein Gesicht.
»Wie geht es dir?«

»Adam...«, wispere ich nur erschöpft und sinke zurück in eine liegende Position.

Seine große, warme Hand legt sich auf die meine. »Du bist nicht allein, Josef.«

Schwach seufze ich auf und schließe meine Augen. Adam...



Das nächste Mal erwache ich, weil mich Sonja am Arm schüttelt.

»Nun wach mal auf, du hast den ganzen Tag geschlafen!«, ruft sie aus, »Jetzt musst du mal etwas essen!«

Mir wird ein trockenes Brötchen unter die Nase gehalten, von welchem ich artig einen Happen abbeiße.
Meine zitternden Hände schließen sich um das Stück Brot und ich richte mich langsam auf.
Sonja hockt neben dem Sofa und mustert mich mit mütterlich-besorgtem Blick. Automatisch wanderte mein Blick suchend durch den Raum.

Adam... Nirgends ist er zu sehen.

»Der Herr Wiese ist nachhause gegangen. Er musste Arbeiten korrigieren«, erklärt Sonja mir und ich nicke niedergeschlagen.

»Ich geh auch heim... beziehungsweise zum Arzt, ich brauch ja ne Entschuldigung«, nuschle ich und stemme mich auf.

»Pass auf dich auf, Josef«, murmelt Sonja.



Die Sehnsucht nach Adam wird unerträglich. Obwohl ich mich am nächsten Tag noch immer wie gerädert fühle, gehe ich zur Arbeit, einfach weil ich Adam wiedersehen muss. Es gibt in meiner kleinen, einsamen Welt plötzlich nur noch ihn... gut, eigentlich war es nie anders.
Seit der neunten Klasse schlägt mein Herz für diesen Mann und das hat sich bis heute nicht geändert... doch konnte ich meine Sehnsucht meistens in irgendeiner Weise verarbeiten. Durch dich. Aber jetzt... jetzt bist du aus meiner Welt verschwunden und es gibt nur noch Adam...



»Wie geht es dir?«, fragt Adam leise, als er gegen halb vier vor mir steht.

Einen Augenblick lang versinke ich in seinen dunklen Augen, dann murmle ich: »Es geht.«
Dadurch, dass er hier ist, hat sich meine Schwäche in Luft aufgelöst und ich fühle mich nur noch seltsam warm und taub.

»Willst du heute Abend zum Abendessen zu mir kommen?«, fragt er und lächelt leise.

Müde sehe ich ihn an. »Gerne«, flüstere ich und fühle auf einmal einen Kloß im Hals. Liebevoll streicht er über meine Finger, als er die Münzen für die Zigaretten in meine Hand klimpern lässt.



Ich falle fast um vor Müdigkeit, als ich vor Adams Tür stehe und klingle.
Doch sein schwaches, aber ehrliches Lächeln muntert mich auf und ich lasse mich zufrieden auf den Stuhl am Esstisch sinken. Er hat Nudeln gekocht... ganz simpel mit Tomatensoße, doch ich habe das Gefühl, nie etwas Schmackhafteres gegessen zu haben.

Nach dem Essen sitzen wir stumm da, bis er leise fragt: »Wieso warst du eigentlich auf einer Mittelschule?«

Ich hebe den Blick. »Wieso?«, wiederhole ich verwirrt.

»Du gehörst nicht auf eine Mittelschule, du hast durchaus das Potenzial, ein Gymnasium zu besuchen«, sagt er.

»Meinst du?« Ich hebe skeptisch die Brauen.

»Sicher.«

»Mh, darum habe ich auch selbst auf der Mittelschule immer nur schlechte Zensuren gehabt und meinen Abschluss nur mit Mühe geschafft«, meine ich ironisch. Meine Stimme klingt ziemlich bitter.

Adam seufzt. »Aber in deiner Birne hast du trotzdem ne ganze Menge.« Er lächelt.

»Ne Menge Luft«, murmle ich.

»Josef.« Auf einmal liegt seine Hand auf meiner. »Nur weil du nicht den Anforderungen der Schule entsprichst, bist du nicht dumm.«

Ich schließe die Augen und konzentriere mich voll und ganz auf die Berührung unserer Hände.

»Ich bin...«, setzte ich an.

»Ja?« Seine Stimmte ist so warm... ich liebe sie so sehr, dass mir die Tränen in die geschlossenen Augen steigen.

»... ein Träumer«, wispere ich.

Ich weiß nicht, wie er darauf reagiert, da ich meine Augen noch immer nicht geöffnet habe.

»Bist du müde? Willst du dich etwas hinlegen?«, höre ich dann seine Stimme.

Ich kann nur nicken und blinzle träge durch meine Lider. Adams Gestalt vor mir verschwimmt immer wieder, es fällt mir schwer, das Bild scharf zu stellen.

»Komm.« Er zieht mich sanft auf die Beine und führt mich in sein Schlafzimmer. Hier ist es eiskalt.

Behutsam deckt er mich zu, nachdem ich auf die Matratze seines Bettes gesunken bin. Hier riecht alles nach ihm.

...

Als ich aufwache liegst du eng an mich geschmiegt.
Nein...
Ich drehe mich auf den Rücken und sehe den Mann an, der schlafend neben mir liegt. Das bist nicht du... das ist Adam.
Oder bist doch du es?
Wo bin ich?

Hektisch atmend schau ich mich um und erkenne allmählich meine Umgebung wieder. Dann schaue ich erneut auf den schlafenden Mann neben mir und lächle... nein, das bist nicht du. Das ist wirklich Adam.

Ich drehe mich zu ihm und betrachte sein Gesicht. Es ist entspannt, aber unglücklich wirkt es dennoch... Wie schön er ist. Wie schön seine Lippen geschwungen sind...

Unbewusst hebe ich eine Hand und streiche über seine Wange. Die raue Haut unter meinen Finger erzeugt eine Gänsehaut auf meinem Rücken.
Dann schlägt er die Augen auf und sieht mich an...

»Komm her«, flüstert er und legt wieder die Arme um mich.

Müde schließe ich die Augen und vergrabe das Gesicht an seinem Hals.
Es ist alles so viel intensiver als mit dir...



Am nächsten Morgen bringt Adam mich nachhause, bevor er in die Schule geht. In meiner Wohnung ziehe ich mir etwas Frisches an und gehe dann ebenfalls zur Arbeit.
Am frühen Nachmittag kommt er wie immer in den Laden und ich seufze glücklich, als sich unsere Blicke begegnen.

»Wie geht es dir?«, fragt er sanft und streicht dabei über meine Hand.

»Gut«, lächle ich. »Und dir?«

Er senkt den Blick auf meine Finger, die sich den seinen entgegen drängen.

»Es ist so kalt«, antwortet er dann und löst seine Hand von mir.



Du begrüßt mich an der Tür, als ich nachhause komme.

»Wie war dein Tag?«, fragst du liebevoll.

»Schön«, lächle ich dich an und genieße die Berührung deiner Lippen an meinem Hals. »Aber… ich habe dich vermisst.«

»Oh ja, ich dich auch«, antwortest du und richtest dich wieder auf.

Wir gehen in die Küche und ich koche uns einen Kaffee. Die ganze Zeit über hältst du meine Hand und es fühlt sich unheimlich intensiv an.



Viel zu früh, um aufzustehen, klingelt es in dieser Nacht an meiner Wohnungstür. Schlaftrunken erhebe ich mich und taumle durch den dunklen Flur.

Vorsichtig schiebe ich die Tür ein Stück auf und luge durch den schmalen Spalt.

»Josef?«
Die Stimme schickt mir warme Schauer über den Rücken und ich öffne die Tür weiter.

Kräftige, aber kalte Arme schlingen sich um mich und ich werde fest an Adams zitternden Körper gedrückt.

»Oh Gott, Josef…«, wimmert er an meinem Ohr und streicht besitzergreifend über meinen Rücken.

»Was ist denn los?«, frage ich perplex und mit noch immer leicht verschlafenem Kopf.

Langsam lässt er mich soweit los, dass wir uns ins Gesicht schauen können. Seine Augen sind gerötet, ebenso wie seine Wangen. Doch sein restliches Gesicht erscheint mir blass.
»Es tut mir Leid«, flüstert er, »Es tut mir furchtbar Leid, dass ich dich geweckt habe…«
Er schluckt schwer. »Ich… glaube, ich habe etwas Fieber und hatte einen Alptraum…« Seine Lippen beginnen gefährlich zu beben und ich lege beruhigend meine Hand auf seine Schulter. »Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich deinen Tod nur geträumt habe, oder nicht… ich musste dich sehen, Josef«, wispert er und ich verfolge die zwei kleinen Tränen, die über seine erhitzten Wangen laufen.

»Komm mit, ich mach uns einen warmen Tee«, murmle ich und führe ihn an der Hand in die Küche.

Adam sinkt erschöpft auf einen Stuhl und ich ziehe mir einen Stuhl heran, um mich neben ihn setzten zu können. Stumm lauschen wir dem Blubbern des Wasserkochers, dann tastet Adam plötzlich nach meiner Hand.
Ich muss lächeln. Adam ist hier…

Eine Stunde später sitzen wir nebeneinander auf dem Sofa im Wohnzimmer und schauen den Schneeflocken vor dem Fenster bei ihrem Tanz in der Luft zu. Es ist noch dunkel, aber in einer Stunde muss ich los.

Gesprochen haben wir nicht viel. Die Nähe zueinander hat uns beiden genügend Behaglichkeit gegeben und ich fühle mich so wohl, wie seit Monaten nicht mehr.

Ich berühre seine Hand und frage: »Woher weißt du eigentlich, wo ich wohne?«

Er blickt mich mit sanften Augen an. »Ich habe dich einmal beobachtet.«

Dann sagt er nichts mehr, sondern lächelt nur geheimnisvoll. Im nächsten Augenblick berühren sich unsere Lippen.

»Jo…« Sein Atem streift über mein Gesicht und ich schließe zitternd die Augen.

Er nennt mich wirklich so, wie du es immer getan hast…

Nun küsst er wieder meine Lippen und ich seufze, als er seine Hand an meine Wange legt.

»Wir sollten das nicht tun«, wispert er, ohne damit Aufzuhören, meinen Mund und dann meine Wange zu küssen.

Ich sage nichts. Mein Gehirn funktioniert nicht mehr. Adam.

Er wandert tiefer, zu meinem Hals… Schmiegt seine Lippen an die empfindliche Haut. Mein Seufzen wird zittriger, bis er den Kopf hebt.

»Nicht aufhören«, wimmere ich, »Hör jetzt bitte nicht auf, Adam…«

Sein Gesicht ist wieder auf der Höhe von meinem.
»Ich muss in die Schule«, wispert er und ich realisiere erst nach einigen Sekunden, was er gesagt hat.

Als die Wärme seines Körpers sich von dem meinen entfernt, öffne ich die Augen wieder und sehe ihn verletzt an.

»Geh nicht«, bitte ich ihn leise, doch er ist schon auf dem Weg zur Tür.

»Adam!«, rufe ich aus.

»Wir sehen uns doch nachher.« Er steht im Flur, in den ich ihm hinterhergelaufen bin, und lächelt mich an.

Ich atme tief durch und lächle ebenfalls. Adam hat Recht. Wir sehen uns nachher im Laden…



Als wir uns tatsächlich wie immer um fünfzehn Uhr wieder sehen, weiß wohl keiner von uns beiden, dass es das letzte Mal ist, dass wir uns gegenüberstehen.

Sein kleines Lächeln, der Blick seiner warmen Augen...



Am nächsten Tag kommt Adam nicht. Ich beschließe, ihn zu besuchen, doch niemand öffnet mir. So lege ich die Packung Pall Mall Blue auf den Türvorleger und gehe nachhause. Eine gewisse Sorge plagt mich… gemischt mit bitterster Sehnsucht…

Du wartest zuhause auf mich. Seltsam, ich hatte gedacht, dass du vollends aus meinem Leben verschwunden bist. Aber doch... da bist du wieder.

»Wie geht es dir?«, fragst du. Deine Stimme...

»Ganz gut«, flüstere ich.

Du verschwimmst vor meinen Augen. Nein, du bist nicht wirklich mehr so präsent wie die letzten Jahre. Was ist nur passiert…?

Adam.

Mir ist so kalt, obwohl die Heizung im Wohnzimmer auf Hochtouren läuft.

Adam, mir ist so kalt.

Ich schlafe in der Nacht schlecht. Du bist nicht da, ich träume aber von dir... und von Adam. Ich träume mehr von Adam, als von dir, glaube ich.



Auch am nächsten Tag kommt Adam nicht und ich beginne vor Verwirrung und Liebe zu zittern. Erneut gehe ich nach der Arbeit zu seiner Wohnung. Die Schachtel Zigaretten liegt noch immer dort, wo ich sie gestern zurückließ.

»Wo bist du?«, wispere ich erstickt und auf einmal verspüre ich eine Angst, die mir die Kehle zuschnürt.

Noch nie hatte ich so stark das Gefühl, dass du nicht mehr da bist.
Du bist weg...
Ich bin allein.
Und wo ist Adam?
Wenn du weg bist, wo ist dann Adam?

Ich laufe los... am Kiosk vorbei, in der Hoffnung, du würdest dort sein... nein, Adam würde da sein. Doch er ist es nicht.

Zuhause halte ich es nicht aus, darum gehe ich hinaus aufs Feld. Es ist heute etwas wärmer als die letzten Tage, der Schnee beginnt ganz leicht zu schmelzen. Das ist die ekelhafteste Zeit - wenn der Schnee schmilzt. Die matschigen, grauen Pfützen und der Schlamm… dieses hässliche Gemisch aus Dreck und Schnee, der einmal strahlend weiß gewesen war… überall auf den Straßen und Wegen.

Ich friere trotz meiner dicken Winterkleidung. Ich sehne mich so sehr nach Adam, dass es wehtut.
Mein Herz trommelt immer schneller, dabei laufe ich inzwischen gar nicht mehr so hastig. Meine Schritte werden immer langsamer, plötzlich habe ich das dringende Bedürfnis, umzukehren und mich in Sicherheit zu bringen.

Der Feldweg ist verlassen... Ich bin hier ganz allein.
Dann sehe ich die Gestalt, die abseits vom Weg neben einem Baum im Schnee liegt. Erst bleibe ich stehen, doch dann wird mir schlecht und ich laufe auf die Gestalt zu.

Adam...

Seine Haut ist genauso kalt wie der Schnee um ihn herum. Die dunklen Augen ein kleines Stück geöffnet und matt.

»ADAM!«

Ich packe seine Schultern, sein Körper ist ganz hart.

»Adam...« Ich keuche erstickt auf und streiche mit einem Finger über seine blauen, leicht geöffneten Lippen. Kein Atemzug wärmt meine Finger...

Mir wird schwindlig.

Adam...

Ich hätte umkehren sollen, als ich noch die Möglichkeit dazu hatte.

»Ich liebe dich, Adam!«

...

»Der schien ja nicht mal betrunken zu sein. Wer legt sich denn bei so einem Wetter in den Schnee schlafen?«
Der Polizist betrachtet Adam mit gerunzelter Stirn.

»Selbstmord vielleicht… oder andere Drogen«, meint ein anderer Polizist.

Ich habe das Gefühl, taub zu werden. Keine Geräusche dringen plötzlich in mein Gehirn mehr vor. Da ist nur noch Stille… jedoch keine warme und angenehme Stille. Nein… nun ist es eisiges Schweigen.
So laufe ich wieder los... laufe weg... Nachhause, durch den Schnee. Durchgefroren stoße ich die Wohnungstür auf und stürze in den Flur. Meine Beine geben nach und ich sinke in einer verkrampfen Haltung auf den Boden.

Adam.

»Josef?«

Ich hebe den Kopf und kann meinen Augen nicht trauen. Da steht er - Adam, mein Adam! Hier vor mir, in meiner Wohnung… die Zeit steht still.

»Hey, was ist denn los?« Er hilft mir auf die Beine.

Ich taumle von ihm gestützt ins Schlafzimmer und falle ins Bett. Adam legt sich neben mich und nimmt mich in den Arm…
Aber es ist nicht Adam. Du bist es…

»Adam«, schluchze ich, »Adam...« Hilfesuchen umklammere ich dich... ich umschlinge deinen Körper...
Nein... ich umschlinge die Bettdecke.

Dann öffne ich die Augen. Wo bist du?
Warst du nicht eben noch da? »Wo bist du?«, frage ich laut. Ich erhalte keine Antwort. Nun bist weder du noch Adam da.

So stehe ich auf und trete ans Fenster. Es ist dunkel, aber die Uhrzeit weiß ich nicht. Ist ja auch nicht wichtig. Aber es schneit wieder. Also ist es sicher kälter als es den Tag über gewesen war.
Du trittst nicht zu mir und nimmst mich in den Arm. Du schaust nicht über meine Schulter hinweg in den Schnee hinaus und freust dich darüber, dass ich den Schnee so sehr bewundere.

Ich muss lachen. Adam ist tot. Und darum bist auch du tot. Natürlich bist du das. Du warst der Adam in meinem Kopf... wie soll der leben, wenn der echte Adam es nicht mehr tut?

Meine Hände legen sich auf die glatte Oberfläche der Fensterscheibe und die Gedanken in meinem Kopf fangen an, zu schmerzen. Ob Erfrieren wohl schmerzhaft ist? Sicher... ich stelle es mir furchtbar vor. Wieso hast du das getan? Wieso hast du dich in den Schnee gelegt?
Ich werde die Antworten wohl nie erfahren.

Langsam öffne ich die Balkontür und trete hinaus. Die Kälte, die mich umfängt, ist beißend und ich überlege, ob ich lieber wieder ins Warme zurückkehren soll. Aber Adam hat auch gefroren.

Eine Schneeflocke landet auf meiner ausgestreckten Hand.

»Ich hasse dich«, sage ich zu ihr und schaue ihr beim Schmelzen zu, »Wieso seid ihr ... du und deine unzähligen Kameraden... wieso seid ihr so verdammt kalt?«

Die Schneeflocke zerläuft zu einem nassen Fleck auf meiner Hand. Sie stirbt durch mich. Genauso wie Adam durch hunderttausende ihrer Gefährten gestorben ist.

12.10.10 20:39, kommentieren

Vorschau

Schlafwandler ist eine längere Geschichte, an welcher ich zurzeit arbeite. Ich werde sie, sobald sie beendet ist, hier hochladen. Allerdings steht dafür noch lange kein Datum.

Ab und zu werde ich vielleicht Neuigkeiten über das Vorranschreiten meiner Arbeit am Schlafwandler hier mitteilen.

Inhalt (knapp):

Es soll um einen jungen Cellisten gehen, der aufgrund seiner leicht gestörten Realitätswahrnehmung an der Gesellschaft zu scheitern droht.

12.10.10 20:26, kommentieren